Wüstungsforschung in Hessen – Das Projekt Baumkirchen

Historische Aufnahme der Mitglieder der Blasius- oder Baumkircher Gesellschaft zu Laubach, einer Vereinigung der Nachfahren der ehemaligen Bewohner des Ortes Baumkirchen


Die Wüstungsforschung blickt in Deutschland auf eine lange Forschungsgeschichte zurück. Es ist im Besonderen der Geographie, respektive der Historischen Geographie, zu verdanken, dass aufbauend auf wissenschaftlichen Ansätzen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den 1950er- und 1960er-Jahren weitreichende Arbeiten zur Siedlungsgenese in Mitteleuropa durchgeführt werden. In diesem Zusammenhang erscheint die Tatsache bemerkenswert, dass sich Teile Europas – v. a. auch der Bundesrepublik Deutschland – erstmals seit mehreren Jahrhunderten erneut in einer ausgeprägten Wüstungsphase befinden. Angesichts der rezent zu beobachtenden Entsiedlungsvorgänge in den so genannten Neuen Bundesländern Deutschlands rückt die Wüstungsforschung als Teil der genetischen Siedlungsforschung neuerlich in den Blickpunkt aktueller Forschungen.

Das hier vorgestellte Forschungsvorhaben wurde im Jahre 2004 begonnen. Es möchte die vielschichtigen Zusammenhänge und Triebkräfte mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Be- und Entsiedlungserscheinungen im Sinne einer Prozessforschung beleuchten. Derartige Beziehungsgeflechte können nur durch eine interdisziplinäre Herangehensweise im Verbund unterschiedlicher Institutionen und verschiedener geistes-, sozial- und naturwissenschaftlicher Disziplinen analysiert werden.

Das Projekt Baumkirchen und die Siedlungslandschaft Laubacher Wald

Entsprechend sollen die in Baumkirchen begonnenen Untersuchungen zur anthropogen beeinflussten Landschaftsentwicklung nicht allein mittels historischer, historisch-geographischer und archäologischer Methoden untersucht werden, sondern vielmehr auf eine breite geistes-, kultur- und naturwissenschaftliche Basis gestellt werden. Das bedeutet, dass der Einfluss des Menschen auf seine Umwelt im allgemeinen und das historische Siedlungsgeschehen im speziellen sowie die sich daraus ergebenden Rückkopplungen, ebenso mit Hilfe neuerer naturwissenschaftlicher Analysemethoden – z. B. der Geophysik, Archäometrie und Archäobotanik etc. – wie auch mittels der Beiträge weiterer Fachdisziplinen, z. B. der Anthropologie, Archäozoologie, Geologie, Umwelt- und Klimaforschung, untersucht werden sollen.

Lokalisierung der Wüstung Baumkirchen

Die vormalige Ortslage Baumkirchen liegt im Bereich einer flachen Abdachungsstufe am östlichen Rand des Vorderen Vogelsberges am Übergang zum Hohen Vogelsberg in Mitten des Seenbachtals. Auch darüber hinaus liegt sie in vielfacher Hinsicht in einem als Übergangsbereich zu bezeichnenden Raum zwischen Giessener Becken und dem hessischen Mittelgebirgszug. Durch archäologische Prospektionen konnte zunächst die Lage der Wüstung zu beiden Seiten des Seenbaches lokalisiert werden, mittels geophysikalischer Prospektionen gelang die Abgrenzung verschiedener Baustrukturen innerhalb der vormaligen Ortslage.

Die Wüstungskirche

Die Kirche ist das einzige bis heute obertägig sichtbare Relikt des einstigen Orts und bot sich daher als ideales Einstiegsobjekt für die erste Grabungskampagne im Jahre 2004 an. Bis zum Sommer 2006 konnten die südliche Hälfte der Kirche, große Teile des Gräberfelds sowie eine dichte Wirtschaftsbebauung innerhalb des umwehrten Friedhofs ergraben werden.

Bei dem eigentlichen Kirchenbau, der eine Größe von ca. 18 x 9 m aufweist, handelt es sich um eine einfache Saalkirche, an die sich im Osten eine rechteckige Apsis anschließt. Der Zugang zur Kirche erfolgte über eine Steintreppe im Süden. Die Nekropole, die nahezu im gesamten, mit einer zweischaligen Trockensteinmauer umwehrten Kirchhof nachgewiesen werden konnte, war dicht belegt. Erste anthropologische Untersuchungen der erhaltenen Skelettreste erbrachten überwiegend keine Anzeichen für schwerere Erkrankungen bzw. keinerlei Hinweise auf Mangelernährung.

Im gesamten Kirchhofbereich fanden sich weitere Bebauungsreste, denen durch die große Anzahl darin aufgefundener Gebrauchskeramik, Hufeisen, Sichel- und Messerfragmente etc. eine nichtsakrale Funktion zugesprochen werden muss.

Südliche Kirchenmauer beim Freilegen.

Führung von Schulklassen über die Grabung.

Freilegen von Skeletten im Friedhofsbereich

 

Die Ortsmühle

Unterhalb der Wüstungskirche liegt die bis heute bewohnte, so genannte Höresmühle. Neben umfangreichen modernen An- und Umbauten weisen einige Baudetails des Hauptgebäudes jedoch auf eine ältere Zeitstellung der Gesamtanlage hin. Darüber hinaus sind mit Mühlgraben und Mühlteich weitere funktional bedingte Einrichtungen erhalten. In einer Quelle aus dem Jahr 1322 wird eine „molendino in medio villae" – also eine Mühle in mitten des Dorfes – genannt. In der Vergangenheit wurde daher die heutige Höresmühle (früher auch Mänchesmühle oder Baumkircher Mühle genannt) oftmals mit der in der mittelalterlichen Quelle erwähnten Mühle gleichgesetzt. Um dies gegebenenfalls verifizieren zu können, wurden (bau-)archäologische Untersuchungen auf dem Gelände der heutigen Mühle sowie in den beiden Mühlkellern unterhalb des Hauptgebäudes durchgeführt. Dabei konnte eine ganze Reihe mühltechnischer Anlagen dokumentiert werden, deren Erbauung wohl in die Barockzeit datiert. Aus der Untersuchung der Gebäude sowie dem Studium der bisher bekannten Mühlakten ergab sich, dass die heutige Höresmühle in ihrem Kernbestand weitestgehend um 1900 auf Resten eines barocken Mühlenbau errichtet wurde. Von dem barocken Vorgängerbau blieben die beiden heutigen Mühlkeller erhalten. Hinweise auf eine mittelalterliche Zeitstellung der Mühlanlage liegen nicht vor. Aufgrund der topographischen Gegebenheiten und der starren mühlrechtlichen Bestimmungen ist jedoch von einer Ortskonstanz der zeitlich aufeinander folgenden Anlagen auszugehen, auch wenn sich leider keine Gebäudekonstanz nachweisen ließ.

Die Höresmühle von Südwesten.

Mühltechnische Anlagen im Keller der Mühle.

 

Die Siedlung Baumkirchen

Seit dem Sommer 2005 wurden die Grabungsarbeiten auf den Siedlungsbereich südlich des Seenbaches ausgeweitet. Innerhalb einer über 1000 m² großen Fläche in der Flur „Auf dem Backöfchen" fanden sich die Reste eines bäuerlichen Anwesens mit Wohn- und Wirtschaftsbereichen. Zu der Hofstelle gehörte ein ca. 10 x 10 m großes Gebäude mit einem gepflasterten Vorplatz. Im Gebäude konnten eine Herdstelle sowie die Reste eines Kachelofens dokumentiert werden. Im Wirtschaftsbereich des Hofareals fand sich eine Vielzahl von Gräben und Gruben, deren endgültige Interpretation noch aussteht. Wesentliche Hinweise zu deren Nutzung soll die archäobotanische Auswertung der Bodenproben liefern.

Die Untersuchungen im Siedlungsbereich werden im Verlauf des Jahres 2006 nördlich und südlich des Seenbaches fortgesetzt – u. a. wird dabei ein vermeidlicher Schmiedeplatz ergraben werden.

Morgendliche Grabungsimpression in der Siedlung.

Überblick über die Siedlungsgrabung.

 

Die Siedlungslandschaft Laubacher Wald

Im Laubacher Wald findet sich eine beträchtliche Anzahl wüstgefallener Ortschaften. Die intensive mittelalterliche und frühneuzeitliche Nutzung dieses heute so beschaulichen Waldgebietes hat eine große Anzahl an Ackerterrassen und Plateaus hinterlassen. Zusammen mit Hohlwegen, Flurgrenzen, Meilerplatten und Glashütten prägen sie das Bild des Laubacher Waldes.

Im Zuge der Erforschung der Wüstung Baumkirchen wird auch die sie umgebende Siedlungslandschaft untersucht. Begehungen, Einzelfundeinmessungen und gezielte geophysikalische Prospektionen sollen, wie schon in Baumkirchen, Hinweise auf die Besiedlung der Region geben. Begonnen wurden die Untersuchungen mit Geländebegehungen und Vermessungen auf bereits bekannten Wüstungen und Glashütten. So wurden zwei Glashütten sowie Teile der Wüstung Ruthartshausen geophysikalisch untersucht. Weitere geplante Maßnahmen sollen dazu beitragen, die komplexen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Be- und Entsiedlungsvorgänge zu erklären.

Literatur

Blechschmidt/Buthmann/Zickgraf 2003
M. Blechschmidt/N. Buthmann/B. Zickgraf, Die Nachfahren der Baumkircher auf Spurensuche. Wiederentdeckung und Dokumentation der untergegangenen Kirche von Baumkirchen. In: hessenARCHÄOLOGIE 2002, 2003, 165-167.

Gottwald/Röder/Tarasconi 2006
M. Gottwald/Chr. Röder/M. Tarasconi, Die Glashütte im Halgarten, Gemeinde Laubach, Landkreis Gießen. In: hessenARCHÄOLOGIE 2005, 2006 – in Vorbereitung.

Recker/Röder/Tappert 2005a
U. Recker/Chr. Röder/C. Tappert, »Wüste« Spuren. In: Archäologie in Deutschland 5/2005, 2005, 50-51.

Recker/Röder/Tappert 2005b
U. Recker/Chr. Röder/C. Tappert, Boumensehin – Boymenkirchen – Baumkirchen . Wüstungsforschung im Seenbachtal, Gemeinde Laubach-Freienseen, Kreis Gießen. In: hessenARCHÄOLOGIE 2004, 2005, 151-154.

Recker/Röder 2006a
U. Recker/Chr. Röder, Schutt und Asche. In: Archäologie in Deutschland 2/2006, 2006, 44 f.

Recker/Röder 2006b
U. Recker/Chr. Röder, Unter den Wiesen zue Baumkirchen, Gemeinde Laubach-Freienseen, Kreis Gießen. In: hessenARCHÄOLOGIE 2005, 2006, - in Vorbereitung.

Recker/Röder/Tappert 2006a
Interdisziplinäre Wüstungsforschung im hessischen Mittelgebirgsraum. Ausgrabungen im Bereich der Wüstung „Baumkirchen", Gemeinde Laubach, Kreis Gießen. In: Denkmalpflege & Kulturgeschichte 2006 – im Druck.

Recker/Röder/Tappert 2006b
Multikausale Erklärungsmuster für mittelalterliche und frühneuzeitliche Be- und Entsiedlungsvorgänge im hessischen Mittelgebirgsraum –

Die Erforschung der Wüstung „Baumkirchen", Gemeinde Laubach, Landkreis Gießen, in den Jahren 2004 und 2005. In: Berichte der KAL 8, 2005, 2006 – im Druck.

 

Kontakt

Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Abt. Archäologie und Paläontologie

Dr. Udo Recker M. A., LfDH, Wiesbaden, Schloss Biebrich, 65203 Wiesbaden;
E-Mail:
u.recker@denkmalpflege-hessen.de

Christoph Röder, LfDH, Wiesbaden, Schloss Biebrich, 65203 Wiesbaden;
E-Mail:
baumkirchen@denkmalpflege-hessen.de