Fritz-Rudolf Herrmann Die Statue eines keltischen Fürsten vom Glauberg „Die Keltenfürsten vom Glauberg" lautet der Titel einer Veröffentlichung, die als
Heft 128/129 der Reihe „Archäologische Denkmäler in Hessen" im Sommer 1996 erschien. Darin sind die ersten Ergebnisse der Ausgrabung eines frühkeltischen Fürstengrabhügels aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. in den Jahren 1994-1995
geschildert, der unerwartet am Glauberg bei Glauburg-Glauberg im Wetteraukreis entdeckt worden war, und es werden die reichen und einzigartigen Funde aus den beiden im Hügel geborgenen Gräbern im Rahmen des frühkeltischen
Kunsthandwerks und in ihrer Bedeutung für die Kunst der frühen Kelten behandelt (zu beziehen durch Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Schloß Biebrich/Ostflügel, 65203 Wiesbaden; Tel. 0611/690631: 100 Seiten, 120 meist farbige
Abbildungen; broschierte Ausgabe DM 10,--, gebundene Ausgabe DM 20,--, jeweils zzgl. Versandkosten DM 3,--) Noch war der Band nicht der Öffentlichkeit vorgestellt, kam bei der Fortsetzung der Ausgrabungen im
unmittelbaren Umfeld des Hügels am 24. Juni 1996 ein weiterer einmaliger Fund zutage, der in seiner Bedeutung den Grabfunden gleichzusetzen ist und sie noch übertrifft: die lebensgroße vollplastische steinerne Statue eines
keltischen Fürsten des 5. Jahrhunderts v. Chr., ein Fund, der zu den bedeutendsten archäologischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte in Europa zu zählen ist.
Nicht befriedigend zu erklären und in ein System zu bringen waren nur in Abschnitten erhaltene Wälle und Gräben im südlichen und südwestlichen Vorfeld des Berges bis in über 1 km Entfernung am vorgelagerten Enzheimer Köpfchen. Beim Versuch, mit Hilfe der Luftbildarchäologie weitere Teile dieser Anlagen aufzuspüren, entdeckten Mitglieder des Heimatvereins Glauburg im Jahre 1987 am Südhang des Berges einen auffälligen Kreisgraben, der sich mit 70 m Durchmesser deutlich im Bewuchs abzeichnete. Die Vermutung, daß es sich um den Graben eines frühkeltischen Fürstengrabhügels handeln könnte, wurde bei der Ausgrabung durch die Archäologische Denkmalpflege in den Jahren 1994 und 1995 bestätigt. Nicht nur wurde ein Grabhügel von 48 m Durchmesser mit umgebendem 10 m breitem Kreisgraben aufgefunden, sondern es ergab sich eine monumentale Grabanlage mit einer zum Hügel hinführenden 350 m langen Prozessionsstraße, die bisher in der keltischen Welt einmalig ist und keine Vergleiche hat.
Die beiden Fürstengräber im Grabhügel "gehören zu den reichsten, die wir in Mitteleuropa aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. kennen" (O.-H. Frey). Sie waren nicht zentral, sondern in der durch die Prozessionsstraße vorgegebenen Richtung angelegt. Grab 1 mit einer Körperbestattung fand sich im Nordwestteil des Hügels, Grab 2 mit einer Brandbestattung im Südosten ganz am Rande des Hügels in der Mitte der Kreisgrabenlücke, an der die Prozessionsstraße auf den Hügel trifft. Beide enthielten Bestattungen von Kriegern. Unter den Beigaben ragen eine reichverzierte keltische Röhrenkanne aus Bronze in Grab 2 und eine bronzene keltische Schnabelkanne mit reichem Figurenschmuck sowie ein Goldhalsring in Grab 1 hervor. Zu den Gräbern und ihren Funden siehe die anfangs genannte Publikation. Im Nordwesten des Grabhügels und teilweise mit dem Kreisgraben direkt verbunden, liegen weitere Befunde und Grabenwerke, die in ihrer Bedeutung sicher in den sakralen Bereich gehören und für einen Heiligen Bezirk in unmittelbarer Nähe der Gräber sprechen. Ihm galten die Ausgrabungen des Jahres 1996, die allerdings erst einen Teil des Bezirkes aufdecken konnten. Ein kleines, nicht ganz quadratisches Grabenviereck von rund 12 m Seitenlänge befindet sich 40 m westlich des Kreisgrabens und nimmt in der Ausrichtung seiner Seiten die Richtung des gesamten Grabmals auf. Seine Ausgrabung ergab weder Funde noch irgendwelche Befunde, die zu seiner Deutung beitragen könnten.
![]() Als Schmuck oder Würdeabzeichen hat er einen Halsring mit drei knospenförmigen Zierstücken, einen Armring am rechten Handgelenk und einen Fingerring am Ringfinger der rechten Hand sowie drei übereinandersitzende Ringe am linken Oberarm. Das Gesicht ist stilisiert mit ausgeprägtem Kinn wiedergegeben. Am auffälligsten ist die Kopfbedeckung, eine sogenannte Blattkrone, die aus einer blätterverzierten Haube mit zwei seitlichen, fischblasen- oder blattförmigen Ansätzen besteht. Die Vermutung, daß ihre Form auf Mistelblätter zurückgeht, hat einige Wahrscheinlichkeit für sich. Die Beine sind nackt – sofern nicht weitere Bekleidung oder auch Ausrüstung durch Bemalung angegeben war –, und es fällt der Gegensatz zwischen der sehr naturalistisch ausgearbeiteten kräftigen Beinpartie und dem eher schmächtigen Oberkörper mit nach vorne angesetzten Armen auf. Sicher geht diese Uneinheitlichkeit nicht auf zu geringes künstlerisches Vermögen des Bildhauers zurück. Es müssen statische Gründe gewesen sein, die für eine freistehende vollplastische Statue das Zurücktreten des Oberkörpers bedingten. Ganz ähnlich im Typus ist dementsprechend die Stele von Hirschlanden in der Nähe von Stuttgart gestaltet, das älteste lebensgroße Menschenbild im Raum nördlich der Alpen, die einen frühkeltischen Fürsten des 6. Jahrhunderts v. Chr. darstellt. Dagegen kann die für sie immer schon als Vergleich und Vorbild herangezogene, naturalistischer gebildete steinerne Grabstele von Capestrano in den Abruzzen/Mittelitalien nicht auf seitliche Stützen verzichten. Bisher nicht bekannt ist, ob die Statue ursprünglich bemalt war. Spuren davon sind nicht zu sehen – sie ist noch nicht vollständig gereinigt und an der Rückseite noch gar nicht freigelegt –, aber die Wahrscheinlichkeit spricht dafür. Denn die Anregungen zu solchen Statuen im keltischen Gebiet nördlich der Alpen kamen aus dem Mittelmeerraum, und die antiken Skulpturen und Plastiken waren, soweit wir wissen, sämtlich bemalt. Dies könnte also auch für die Glauberger Figur zutreffen. Verblüffend ist die sehr ähnliche Ausstattung des steinernen Fürsten mit der des Toten aus Grab 1 des Fürstengrabhügels. Ihm sind als Waffen unter anderem Schild und Schwert beigegeben; er trägt als Schmuck und Würdeabzeichen einen goldenen Halsring mit drei knospenförmigen Zierstücken, am rechten Handgelenk einen goldenen Armring und am rechten Ringfinger einen goldenen Fingerring; außerdem besitzt er drei weitere Bronzearmringe, wenn auch in anderer Fundlage. Das alles könnte zu der Vermutung führen, daß wir in der Figur das direkte Abbild dieses toten Fürsten vor uns haben. Davor warnen aber die Bruchstücke einer zweiten, ganz gleich oder ähnlich gestalteten Statue, die in der Grabenfüllung im unmittelbaren Umfeld der vollständigen Statue gefunden wurden. Es scheint eher, daß hier das Idealbild eines frühkeltischen Fürsten des 5. Jahrhunderts v. Chr. dargestellt ist, und daß umgekehrt der Tote in Grab 1 nach diesem Idealbild ausgestattet wurde. Doch sind dies noch offene Fragen.
Zum Kopf mit der Blattkrone finden sich die besten Vergleiche auf dem Pfeiler von Pfalzfeld im Hunsrück. Auf seinen vier Seiten sind jeweils identische Köpfe dargestellt, die in Aussehen und Stilisierung dem Kopf der Glauberger Statue sehr nahekommen; drei wie Ornament wirkende Verzierungen unter dem Kinn könnten den Halsring mit drei knospenförmigen Zierstücken meinen. Nach alten Berichten trug der Pfeiler, der als Grabstele gedeutet wird, einen menschlichen Kopf als Bekrönung, der in einer Rekonstruktion in gleicher Form – und ähnlich dem von Heidelberg – angenommen wird. Wo die Statue – bzw. die Statuen – vom Glauberg ursprünglich aufgestellt war, wissen wir nicht. Möglicherweise hatte sie ihren Standort zu Füßen des Grabhügels in dem Heiligen Bezirk, in dessen Graben sie gefunden wurde. Dieser hätte dann einem Ahnen- oder Heroenkult gedient. Die Gründe für die Deponierung sind uns ebenso wie die Gründe dafür, daß eine Statue vollständig, eine andere zerschlagen verborgen wurde, nicht bekannt.
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