Waltraud Friedrich Von der Holzburg der Herren von Romrod zum
Drei Jahre Grabungen und bauhistorische Untersuchungen
Die bedeutendsten Ergebnisse lieferte zweifellos die Grabung im Innenhof der Schlossanlage, die anlässlich des Tages der offenen Tür in Romrod im Mai 1999 rund 4.500 interessierte Besucher ins Schloss lockte. Ein anschließendes Expertengespräch versammelte Fachleute der Mittelalterarchäologie aus ganz Deutschland zu einem außerordentlich konstruktiven Gedankenaustausch in Romrod.
Hölzerne Vorgängerbauten Die für uns auch dendrochronologisch klar datierbare erste Hauptbauphase der Burganlage fällt in das letzte Drittel des 12. Jahrhunderts. Innerhalb kürzester Zeit fanden sich 1998 unmittelbar unter der neuzeitlichen Hofpflasterung auf dem Niveau der Renaissancebauten die abgebrochenen Steinbauten der bisher völlig unbekannten mittelalterlichen Burganlage. Im Herrenbau und im Küchenbau waren aufgrund der späteren Überbauungen die Befunde erheblich tiefer abgetragen.
So erfreulich der Nachweis der bisher unbekannten, repräsentativen romanischen Burg für die Geschichte von Romrod ist, für unsere Kenntnis des Burgenbaus im 12. Jahrhundert in Westdeutschland waren allerdings die in den tieferen Schichten ergrabenen hölzernen Vorgängerbauten der steinernen Burg erheblich bedeutender. Der Nachweis dieser beinahe komplett aufgedeckten Holzbebauung aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts stellt die eigentliche Sensation der Grabung dar.
Dank des feuchten Untergrunds durch den kontinuierlich steigenden Grundwasserspiegel haben sich außer den humosen Verwitterungsschichten der Hofbeläge Fußböden, Schwellbalkenkonstruktionen und Reste der Wandaufbauten einiger Holzhäuser erhalten. Sie waren in einem engeren Ring ebenso kreisförmig um einen zentralen Mittelpunkt - evtl. einen nicht mehr nachweisbaren hölzernen Turm - angeordnet, wie die steinernen Nachfolgebauten. Da die Burg aufgrund des begrenzten Platzes immer in denselben Grenzen überbaut wurde, gibt es praktisch keine Bereiche mit einer ungestörten Stratigraphie.
Das größte und sorgfältigst gearbeitete Gebäude entstand im Süden des Burghofes, westlich des heutigen Kanzleiturmes. Ein Teil des nördlichen Schwellbalkens mit Resten der Blockbohlenwand, der Türschwelle mit Drehpfanne für die Angel, der verkämmten Eckkonstruktion und dem Zapfloch für den Eckständer sind erhalten. Als Fußbodenbelag wurde ein heller Lehmestrich eingebracht. Im Planum ließ sich die Fortsetzung des später abgehackten östlichen Schwellbalkens weiterverfolgen. Dendrochronologisch war das Gebäude einwandfrei auf 1183 zu datieren. Die Stärke der Eichenbalken und die hervorragende Zimmermannsarbeit deuten auf einen mindestens zweigeschossigen herrschaftlichen Wohnbau hin. Um 1192 wurde auf der Hofseite ein Niederlass von 3,5 x 6 m mit durchlaufender Schwelle und eingezapften Ständern angebaut. Der Durchgang zum Haus führte durch die östliche Ecke des Anbaus. Zwei Ständer mit Resten der Wände aus Flechtwerk waren bis in eine Höhe von rund 40 cm erhalten. Der komplette Holzfußboden mit dem Unterbau aus Holzhäckseln war vorhanden. Im Durchgangsbereich wurde offenbar nach einem Brand ein Estrichboden aufgetragen. Aufgrund der zahlreichen Spinnwirtel, Nähnadeln und eines Kinderschuhs ist stark anzunehmen, dass wir hier mit einem Kemenatenbau zu tun hatten. Der Niederlass war möglicherweise ein offener Laubenbau, in dem die Frauen arbeiteten. Später wurde er als Unterstand für Vieh benutzt. Zuletzt diente er als Mistkaute. Mit dem Niederlass dürften wir in Romrod das bisher älteste bekannte Beispiel eines Fachwerkbaus in dieser Technik gefunden haben.
Mit Ausnahme des zweischiffigen Pferdestalls wurden alle Häuser durch die Errichtung der Steinbauten im ausgehenden 12. bzw. im 13 Jahrhundert in ihren äußeren, zur Mauer hin gelegenen Bereichen überbaut. Die im Hof verbliebenen Reste wurden so weit wie möglich in irgendeiner Form genutzt, und wenn sie nur als weiterer Hofbelag gegen die ständige Feuchtigkeit dienten. Steinbauten Mit der wachsenden Bedeutung der Herren von Romrod gegen Ende des 12. Jahrhunderts wurden die Holzbauten sukzessive durch Steinbauten ersetzt. Als erstes wurde vermutlich eine solide Umfassungsmauer errichtet. Im Keller des Herrenbaus fand sich in der Südwestecke der Abschnitt einer fast runden Umfassungsmauer. Ein zweiter Mauerabschnitt mit der einbindenden Zungenmauer einer Toranlage wurde im Bereich des Schlosstores ergraben. Die Geländestrukturen und die Anordnung der Befunde im Bereich des heutigen Küchenbaus legen die Vermutung nahe, dass hier die Mauer ringförmig weiterlief. Auf der Ost- und der Südseite würde sie sich mit der heutigen Mauer etwa decken bzw. die Gebäude genau einschließen.
Der äußere Mauerring - ob hier von einer Zwingermauer oder nur einer Einfassung des Burggrabens zu sprechen ist, lässt sich noch nicht sagen - nimmt in den bisher ergrabenen Teilen in seinem Verlauf Bezug auf diese alte Umfassungsmauer. Die südwestlichen bzw. südöstlichen Ecken des Herrenbaus und des Kanzleiturms waren beim Bau dieser Mauer noch nicht berücksichtigt. Der zweite Mauerring verläuft in den bekannten Teilen in einem Abstand von etwa 5 m. Anschließend schützt ein Burggraben die Anlage, dessen Sohle bisher noch nicht ergraben ist. Auf der Ostseite wurde außerhalb des Burggrabens ein zusätzlicher Wall angeschnitten, der aber späteren Ursprungs sein könnte. In der Nordwestecke der Kernburg lag der Hauptzugang. Ein zweiter Zugang befand sich im Bereich des heutigen Kanzleiturmes. Innerhalb der Ringmauer wies die mittelalterliche Burg eine fast lückenlos geschlossene Randbebauung auf, die aufgrund der geringen Ausdehnungsmöglichkeit nur sehr wenig Raum für Verkehrsflächen zwischen den Gebäuden zuließ. Für das Mauerwerk der Gebäude wurde der heimische Lungenbasalt, für die Gewände meist der in der Nähe gebrochene Buntsandstein, der hier in den Farbschattierungen von grünlichem Hellgelb bis Rot ansteht, verwendet. Als Mörtel wurde ein mehr oder weniger magerer Kalkmörtel eingesetzt, der je nach Bauphase farblich von dunklerem Gelb bis Grauweiß variiert. Im Zentrum der Kernburg lag der runde Bergfried mit circa 8 m Durchmesser und einer Mauerstärke von 2,70 m. Gegen ungleiche Setzungen des Untergrunds wurde als Stabilisator ein Ankerrost aus acht zu einem Gitter verkämmten Eichenbalken 80 cm oberhalb der Fundamentsohle eingebaut. Diese Balken ermöglichen eine Datierung des Bergfrieds auf 1190/91.2
Gegenüber diesem Saalgeschossbau stand ein Wohnturm von 8 x 10 m Abmessung, dessen in die Wehrmauer integrierte Ostwand im Aufgehenden erhalten ist. Über einem leicht eingetieften Untergeschoss mit hofseitigem Eingang erhoben sich mindestens zwei Obergeschosse mit spätromanischen Biforien und einem Zugang auf der Südostecke im ersten Obergeschoss. Mit dem Bau der heutigen Ringmauer, die möglicherweise in etlichen Teilen nur eine Erhöhung der romanischen Mauer darstellt, wurde dieser Eingang zugesetzt.
Eine rege Neubautätigkeit lässt sich zeitlich aufgrund eines massiven Brandhorizontes im Zusammenhang mit der Fuldaer Stiftsfehde sehen, in deren Verlauf 1265 neben der benachbarten Burg Wartenberg insgesamt 15 Burgen der Region durch den Abt Berthold von Leipholz „gebrochen" wurden. Südlich des Wohnturms entstand ein Marstallgebäude an der Wehrmauer, das über ein Erdgeschoss und ein bewohnbares Obergeschoss verfügte. Die Stallungen im Erdgeschoss wurden über zwei breite Eingänge erschlossen, von denen einer offenbar aber frühzeitig wieder zugesetzt wurde. Der alte Sattelplatz wurde noch längere Zeit weitergenutzt. Im Süden der Burg wurde ein weiterer Bau quer zum Saalgeschossbau errichtet, für den die romanische Ringmauer zum Teil abgebrochen wurde. Die Erdgeschossmauer dieses Gebäudes zieht nach Westen durch die Kellerwand des heutigen Herrenbaus bis an die westliche Außenmauer. Nach Freilegung der Kellergewölbe im Rittersaal des Herrenbaus ließ sich anhand der Konsolen der Deckenbalken eindeutig die Genese der Gebäude ablesen. Die drei Räume im Erdgeschoss wurden über zwei getrennte Eingänge erschlossen. Zwei Räume waren vom Hof aus zugänglich, einer vom Erdgeschoss des Saalgeschossbaus aus. In den hofseitig erschlossenen Räumen sind Werkstätten anzunehmen, die bereits vorher in diesem Hofbereich angesiedelt waren. Der Anschluss des Saalgeschossbaus in seinen verschiedenen Bauphasen an die nördlich liegende Toranlage ist bislang ungeklärt. Die mittelalterliche Burganlage wurde dreimal von größeren Brandkatastrophen getroffen, die stratigraphisch fassbar waren. Jedesmal scheint primär der Bereich des Saalgeschossbaus betroffen gewesen zu sein. Der letzte Brand ist urkundlich in die Zeit um 1350 zu datieren, als im Auftrag des Bischofs von Mainz Adolf von Virneburg u.a. den von Rumerode „brante". In dieser Zeit begannen gleichzeitig die Turbulenzen um die Herrschaft Romrod, da der letzte männliche Erbe in Romrod starb und die vermutlich stark beschädigte Burg seinen drei Töchtern als Ganerbenburg hinterließ. Diese verkauften ihre Anteile an der Burg an die Herren von Erfe und an die Landgrafen von Hessen. Der Herrenbau wurde um 1358 wieder aufgebaut. Er entstand wohl damals in seiner heutigen Kubatur: Wie sich an Fundamenthölzern genau datieren lässt, wurde die Nordwand nach Süden verschoben, der Querriegel im Süden wurde in die oberen Geschossen integriert. Romrod unter den In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts konnte Landgraf Hermann II., der Gelehrte, den gesamten Besitz an der Burg erwerben und er richtete hier einen Amtssitz ein. Mit der Übernahme durch die Landgrafen begann die vierte größere Umgestaltung der mittelalterlichen Burg. Der wohl immer durch den steigenden Grundwasserspiegel matschige Hof erhielt statt immer wieder neuer Reiserschichten die erste pflasterartige Befestigung aus dicht gelegten unregelmäßigen Basaltsteinen, die teilweise aus Brandschutt und Abbruchmaterial der Gebäude stammten. In der Südostecke des Hofes, neben dem zweiten Zugang zur Burg, entstand der sogenannte Kanzleiturm, der sich mit seinen abgerundeten „Ecken" in eine Reihe von Turmbauten des Landgrafen Hermann einreihen lässt. Als Vergleichsbauten lassen sich hier die Burg Hermannstein bei Wetzlar (1373-1379) und die Weidelsburg (1377/78) nennen, die etwa zeitgleich entstanden sind.3 Im späten 15. Jahrhundert entstand der Küchenbau in der noch anhand der zugesetzten Fenster ablesbaren Form. Im Zuge dieser Modernisierung wurde auch eine Teuchelleitung zur Wasserversorgung durch den Kanzleiturm zum Küchenbau gelegt. Bei den gesamten Baumaßnahmen wurde auf eine kostspielige Ausstattung verzichtet. Für einen Amtssitz der Landgrafen war Repräsentation der Stärke nach außen wichtig, Luxusausstattung war nicht angesagt.
1 m aufgefüllt. Damit war das schwierigste Problem der Burg, die ständige Feuchtigkeit und die dadurch eingeschränkte Nutzung mit vielen Pferden, beseitigt. Die Gebäude wurden unter größtmöglicher Wahrung der Bausubstanz in zwei Bauphasen um 1551 und 1578-87 in Renaissanceformen modernisiert und umgebaut. Der Herrenbau wurde auf Kosten des südlichen Querbaus gründlich umgestaltet: Hofseitig wurden beide Fassaden fast komplett abgetragen. Der Wirtschaftsbau blieb im Kellerbereich stehen, der Herrenbau erhielt eine einheitliche, bis an die südliche Wehrmauer durchlaufende Fassade mit einer neuen Erschließung über einen Treppenturm. Der gotische Zugang zum Rittersaal wurde zugesetzt, der vermutlich hölzerne Treppenanbau abgerissen. Das ehemalige Erdgeschoss wurde zum Kellergeschoss. Das Wirtschaftsgebäude an der Südwand musste mit dem Neubau der angrenzenden Fassade des Herrenbaus in seinen oberirdischen Teilen neu errichtet werden.
Wie die erhaltenen Farbfassungen zeigen, wurde bereits nach wenigen Jahren der Treppenturm wieder verändert und die geraden Fensterlaibungen dem Treppenverlauf angepasst.4 Der Dienerbau wurde als Verbindung zum neuen Tor an die Umfassungsmauer angesetzt. 1578 wurde der Küchenbau im Inneren aufgefüllt und die Fassade erhielt außer einer neuen Tür einige neue Fenster. Die Nutzung als Küchenbau blieb bis in die Neuzeit erhalten und ließ sich an mehreren übereinanderliegenden Ofenhorizonten nachweisen. Der Marstall konnte nach einer Auffüllung des Bodens vorerst weiterbenutzt werden.
Über die Ausstattung der Gebäude geben uns zum einen die restauratorischen Untersuchungen, die schriftlichen Quellen und die Fundkomplexe der Grabung Auskunft. Das gesamte Schloss war wie in der gotischen Periode innen und außen mit einer weißen Schlämme überzogen, die Gewände und Eckquaderungen waren ziegelrot gefasst mit einem grauschwarzen Beiläufer und entsprechender Quadermalerei. Die Ausstattung des Schlosses war den schriftlichen Berichten zufolge äußerst sparsam.5 Die wertvollen Gegenstände wurden bei den Aufenthalten mitgebracht und in der Silberkammer untergebracht. Das Mobiliar bestand überwiegend aus Pfostenbetten, Tischen, Bänken und Eisenöfen. Die Eisenöfen stellten sich aber anhand des Fundmaterials als die Ende des 16. Jahrhunderts üblichen Kachelöfen mit gusseisernem Unterteil und graulüstern glasierten Keramikaufsätzen heraus. Die Ausstattung war ohne Luxus, rein der Zweckmäßigkeit für die Nutzung als Jagdschloss angemessen.
Anmerkungen
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