Waltraud Friedrich

Von der Holzburg der Herren von Romrod zum
Sommersitz der Großherzöge von Darmstadt

Drei Jahre Grabungen und bauhistorische Untersuchungen
an Schloss Romrod im Vogelsberg


Abb. 1: Schloss Romrod, Hofansicht, 1997
Foto: Ch. Krienke
 

Parallel zu den Grabungen im Schloss Romrod, über deren erste Ergebnisse bereits im Heft 1/1998 berichtet wurde, fanden im Auftrag der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Bauherrin in Romrod, baubegleitend bauhistorische Befundaufnahmen statt, die neben den sensationellen Befunden der Grabung in den vergangenen drei Jahren genaueren Einblick in die Genese der heutigen Schlossanlage gewähren. Die Auswertung des überaus reichen Fundmaterials und der umfangreichen Befunddokumentation wird zwar noch etliche Jahre in Anspruch nehmen, aber es lässt sich bereits jetzt ein erster Überblick über die Ergebnisse der dreijährigen, für die Mitarbeiter im Winter sehr harten Kampagne geben.

Die bedeutendsten Ergebnisse lieferte zweifellos die Grabung im Innenhof der Schlossanlage, die anlässlich des Tages der offenen Tür in Romrod im Mai 1999 rund 4.500 interessierte Besucher ins Schloss lockte. Ein anschließendes Expertengespräch versammelte Fachleute der Mittelalterarchäologie aus ganz Deutschland zu einem außerordentlich konstruktiven Gedankenaustausch in Romrod.


Abb. 2: Grabungsplan. Zeichnung: W. Friedrich


Kurz zusammengefasst lässt sich zur Baugeschichte von Schloss Romrod sagen: Es wurde seit mehr als 800 Jahren fast immer im Schloss gebaut. Die früheste Siedlungsstruktur der Burg ist durch die ständige Überbauung immer des gleichen Geländes, das aufgrund der topografischen Einschnürung zwischen den beiden Flüsschen Andrift und Ocherbach nicht erweiterbar war, kaum zu fassen. Die Keramikfunde weisen auf eine mögliche Entstehung im 11. Jahrhundert hin, weitere Funde lassen eine Datierung in die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts zu. Genauere Aussagen lassen sich erst nach der Auswertung des Grabungsmaterials treffen.

Hölzerne Vorgängerbauten

Die für uns auch dendrochronologisch klar datierbare erste Hauptbauphase der Burganlage fällt in das letzte Drittel des 12. Jahrhunderts. Innerhalb kürzester Zeit fanden sich 1998 unmittelbar unter der neuzeitlichen Hofpflasterung auf dem Niveau der Renaissancebauten die abgebrochenen Steinbauten der bisher völlig unbekannten mittelalterlichen Burganlage. Im Herrenbau und im Küchenbau waren aufgrund der späteren Überbauungen die Befunde erheblich tiefer abgetragen.


Abb. 3: Flechtweg im Burghof, vor 1192

Die Bauten gruppierten sich als Randbebauung an eine fast runde Ringmauer um einen zentralen Bergfried mit integriertem Brunnen oder Zisterne. Das bebaute Areal der Kernburg lag damit genau wie heute innerhalb einer annähernd kreisförmigen Fläche von etwa 44 m Durchmesser, etwa 1500 m2. Die Vorburg, die vermutlich mit der ersten Siedlung Romrod identisch ist, lag nördlich der Burg in einem zumindest teilweise ummauerten Bering.

So erfreulich der Nachweis der bisher unbekannten, repräsentativen romanischen Burg für die Geschichte von Romrod ist, für unsere Kenntnis des Burgenbaus im 12. Jahrhundert in Westdeutschland waren allerdings die in den tieferen Schichten ergrabenen hölzernen Vorgängerbauten der steinernen Burg erheblich bedeutender. Der Nachweis dieser beinahe komplett aufgedeckten Holzbebauung aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts stellt die eigentliche Sensation der Grabung dar.


Abb. 4: Entwässerungsleitung von 1181

Das mittelalterliche Hofniveau lag um rund 1,70 m tiefer als heute, wie anhand der verschiedenen Laufhorizonte festzustellen war. Der Grundwasserspiegel war naturgemäß sehr hoch und bedingte offenbar ständig neue Vorkehrungen, um die Verkehrsflächen einigermaßen trocken zu halten. Außer der großflächigen Aufschüttung einer Tonschicht auf dem vorhandenen Schwemmland fanden sich vier klar nachweisbare Schichten von Hofbelag aus Birkenreisern, z. T. auch Flechtmatten, die auf Knüppelschichten lagen und mit Stroh abgedeckt waren. Auf diese Schichten wurden die im Burgalltag anfallenden Abfälle aller Art geworfen. Waren die Schichten verrottet und unbrauchbar, wurde die nächste Lage aufgetragen. Zusätzlich entwässerte eine hölzerne Drainageleitung mit Deckel den Hof nach außen. Der ständig steigenden Nässe konnte man allerdings erst nach der radikalen Umgestaltung im 16. Jahrhundert und dem damit verbundenen Auffüllen des Hofes auf das heutige Niveau entgehen.

Dank des feuchten Untergrunds durch den kontinuierlich steigenden Grundwasserspiegel haben sich außer den humosen Verwitterungsschichten der Hofbeläge Fußböden, Schwellbalkenkonstruktionen und Reste der Wandaufbauten einiger Holzhäuser erhalten. Sie waren in einem engeren Ring ebenso kreisförmig um einen zentralen Mittelpunkt - evtl. einen nicht mehr nachweisbaren hölzernen Turm - angeordnet, wie die steinernen Nachfolgebauten. Da die Burg aufgrund des begrenzten Platzes immer in denselben Grenzen überbaut wurde, gibt es praktisch keine Bereiche mit einer ungestörten Stratigraphie.


Abb. 5: Niederlass, Aufsicht
Zeichnung: W. Friedrich / L. Visosky
 

Dendrochronologisch lassen sich alle Holzbauten zwischen 1170 und 1192 datieren.1 Für die Pfosten, Schwell- und Lagerhölzer wurde im allgemeinen Sumpfeiche, in einigen Fällen auch Birke oder Buche benutzt, die Wandbohlen sind aus Eiche, die Fußbodenbretter aus Nadelhölzern. Die Flechtmatten der Wandausfachungen wurden aus Hasel- oder Birkenreisern hergestellt. Die Konstruktion der Häuser unterscheidet sich je nach Zweckbestimmung erheblich. Gemeinsam ist allen Gebäuden der sorgfältige Unterbau. Sie wurden auf einem zusätzlich angeschütteten kleinen Tonhügel errichtet, der von einem etwa 45 cm breiten und tiefen Drainagegraben entwässert wurde. Auf dieser kleinen, mottenartigen Anschüttung lag eine dünne Kiesschicht. Der Holzfußboden aus Spaltbohlen war auf Lagerhölzern mit Holznägeln befestigt. Der Hohlraum zwischen den Lagerhölzern wurde zur besseren Isolierung mit Holzspänen, die bei der Holzbearbeitung abfielen, ausgefüllt. Wir fanden hier nebeneinander und fast zeitgleich ein Pfostenhaus (1183/84) neben einem Blockbohlenhaus (1183) mit später angebautem Niederlass (1192) und ein Firstständerhaus in Zweitverwendung von 1176.

Das größte und sorgfältigst gearbeitete Gebäude entstand im Süden des Burghofes, westlich des heutigen Kanzleiturmes. Ein Teil des nördlichen Schwellbalkens mit Resten der Blockbohlenwand, der Türschwelle mit Drehpfanne für die Angel, der verkämmten Eckkonstruktion und dem Zapfloch für den Eckständer sind erhalten. Als Fußbodenbelag wurde ein heller Lehmestrich eingebracht. Im Planum ließ sich die Fortsetzung des später abgehackten östlichen Schwellbalkens weiterverfolgen. Dendrochronologisch war das Gebäude einwandfrei auf 1183 zu datieren. Die Stärke der Eichenbalken und die hervorragende Zimmermannsarbeit deuten auf einen mindestens zweigeschossigen herrschaftlichen Wohnbau hin. Um 1192 wurde auf der Hofseite ein Niederlass von 3,5 x 6 m mit durchlaufender Schwelle und eingezapften Ständern angebaut. Der Durchgang zum Haus führte durch die östliche Ecke des Anbaus. Zwei Ständer mit Resten der Wände aus Flechtwerk waren bis in eine Höhe von rund 40 cm erhalten. Der komplette Holzfußboden mit dem Unterbau aus Holzhäckseln war vorhanden. Im Durchgangsbereich wurde offenbar nach einem Brand ein Estrichboden aufgetragen. Aufgrund der zahlreichen Spinnwirtel, Nähnadeln und eines Kinderschuhs ist stark anzunehmen, dass wir hier mit einem Kemenatenbau zu tun hatten. Der Niederlass war möglicherweise ein offener Laubenbau, in dem die Frauen arbeiteten. Später wurde er als Unterstand für Vieh benutzt. Zuletzt diente er als Mistkaute. Mit dem Niederlass dürften wir in Romrod das bisher älteste bekannte Beispiel eines Fachwerkbaus in dieser Technik gefunden haben.


Abb. 6: Niederlass von Süden
 

Östlich von diesem Gebäude stand ein zweischiffiges Holzhaus in Pfostenbauweise von rund 3 x 5 m. Der Unterbau entsprach dem des Wohnhauses. Die erhaltenen fünf Pfosten waren 80 cm tief eingegraben und mit Steinen verkeilt. Sie ließen sich dendrochronologisch auf 1183/84 datieren. Die ehemals lehmbeworfenen Flechtwände waren zwischen die Pfosten gespannt. Der auf Lagerhölzern mit Holznägeln aufgenagelte Fußboden war fast komplett erhalten. Der Eingang lag in der Ecke auf der Nordseite. Die vorgefundenen Pferdehaare, Pferdemist und die unzähligen Reste von teilweise vergoldetem Sattel- und Zaumzeug weisen auf einen Vorgängerbau des später dahinterliegenden Marstalls hin, der als Sattelplatz diente. Die beiden Holzhäuser waren durch einen Flechtzaun miteinander verbunden. Der Flechtzaun zog sich weiter nach Norden, wo sich Reste eines weiteren Holzhauses fanden, das aber durch neuzeitliche Kanalbauarbeiten zu stark gestört war, um noch genauere Informationen zu liefern. Vor dem heutigen Küchenbau wurde eine großflächige Fußbodenkonstruktion aufgedeckt, die auf 1186 /87 datiert wurde. Die mächtigen Lagerhölzer weisen nur auf der Nordseite Zapflöcher auf. Der ersten Vermutung, es könnte sich hier um einen Weg gehandelt haben, steht der sorgfältig mit Holzhäckseln isolierte Untergrund entgegen, der eher auf eine Nutzung wie bei dem gegenüberliegenden Niederlass als Loggia schließen lässt. Innerhalb des Küchenbaus fanden sich in entsprechender Tiefe einige Fußbodenbretter, die in passender Richtung zu dem Vorbau verliefen und auf 1170 datiert wurden. Ein weiterer Hausgrundriss wurde vor dem Kellereingang des Herrenbaus entdeckt. Hier handelt es sich um eine überkämmte Schwellbalkenkonstruktion mit je einem großen Zapfenloch für Firstständer mittig auf den beiden gegenüberliegenden nordöstlichen und südwestlichen Schwellbalken. Dazwischen dienten kleine ovale Zapflöcher zur Aufnahme der Staken der Flechtwände. Es gab weder Eckständer noch Hinweise auf eine nach außen abgestützte Dachkonstruktion. Das Dach wurde offenbar direkt von der lehmbeworfenen Flechtwand und einem umlaufenden Rähm getragen. Die Schwellbalken datieren auf ungefähr 1176, wurden aber bereits hier zweitverwendet, wie die Bearbeitungsspuren beweisen. Über diesem Haus lagen Reste eines späteren Holzgebäudes, die sich aber nicht datieren ließen. Im Umfeld dieser beiden übereinanderliegenden Holzbauten fanden sich auffällig viele Lederreste, Schuhe und Teile anderer Ledergegenstände, so dass hier die Werkstatt eines Flickschusters o.ä. anzunehmen ist. Die Verbindung zwischen den verschiedenen Häusern wurde durch dicht gelegte Knüppelwege hergestellt.

Mit Ausnahme des zweischiffigen Pferdestalls wurden alle Häuser durch die Errichtung der Steinbauten im ausgehenden 12. bzw. im 13 Jahrhundert in ihren äußeren, zur Mauer hin gelegenen Bereichen überbaut. Die im Hof verbliebenen Reste wurden so weit wie möglich in irgendeiner Form genutzt, und wenn sie nur als weiterer Hofbelag gegen die ständige Feuchtigkeit dienten.

Steinbauten

Mit der wachsenden Bedeutung der Herren von Romrod gegen Ende des 12. Jahrhunderts wurden die Holzbauten sukzessive durch Steinbauten ersetzt. Als erstes wurde vermutlich eine solide Umfassungsmauer errichtet. Im Keller des Herrenbaus fand sich in der Südwestecke der Abschnitt einer fast runden Umfassungsmauer. Ein zweiter Mauerabschnitt mit der einbindenden Zungenmauer einer Toranlage wurde im Bereich des Schlosstores ergraben. Die Geländestrukturen und die Anordnung der Befunde im Bereich des heutigen Küchenbaus legen die Vermutung nahe, dass hier die Mauer ringförmig weiterlief. Auf der Ost- und der Südseite würde sie sich mit der heutigen Mauer etwa decken bzw. die Gebäude genau einschließen.

 

Abb. 7: Silberanhänger in Form einer stilisierten Pilgermuschel, 12. Jh., gefunden in einer Abfallgrube
Foto: R. Breithaupt, LfDH
 

 

Der äußere Mauerring - ob hier von einer Zwingermauer oder nur einer Einfassung des Burggrabens zu sprechen ist, lässt sich noch nicht sagen - nimmt in den bisher ergrabenen Teilen in seinem Verlauf Bezug auf diese alte Umfassungsmauer. Die südwestlichen bzw. südöstlichen Ecken des Herrenbaus und des Kanzleiturms waren beim Bau dieser Mauer noch nicht berücksichtigt. Der zweite Mauerring verläuft in den bekannten Teilen in einem Abstand von etwa 5 m. Anschließend schützt ein Burggraben die Anlage, dessen Sohle bisher noch nicht ergraben ist. Auf der Ostseite wurde außerhalb des Burggrabens ein zusätzlicher Wall angeschnitten, der aber späteren Ursprungs sein könnte. In der Nordwestecke der Kernburg lag der Hauptzugang. Ein zweiter Zugang befand sich im Bereich des heutigen Kanzleiturmes.

Innerhalb der Ringmauer wies die mittelalterliche Burg eine fast lückenlos geschlossene Randbebauung auf, die aufgrund der geringen Ausdehnungsmöglichkeit nur sehr wenig Raum für Verkehrsflächen zwischen den Gebäuden zuließ. Für das Mauerwerk der Gebäude wurde der heimische Lungenbasalt, für die Gewände meist der in der Nähe gebrochene Buntsandstein, der hier in den Farbschattierungen von grünlichem Hellgelb bis Rot ansteht, verwendet. Als Mörtel wurde ein mehr oder weniger magerer Kalkmörtel eingesetzt, der je nach Bauphase farblich von dunklerem Gelb bis Grauweiß variiert.

Im Zentrum der Kernburg lag der runde Bergfried mit circa 8 m Durchmesser und einer Mauerstärke von 2,70 m. Gegen ungleiche Setzungen des Untergrunds wurde als Stabilisator ein Ankerrost aus acht zu einem Gitter verkämmten Eichenbalken 80 cm oberhalb der Fundamentsohle eingebaut. Diese Balken ermöglichen eine Datierung des Bergfrieds auf 1190/91.2

Abb. 8: Lederschuh mit Ziernaht aus Draht, gefunden unter dem Estrich des Niederlasses

An der Westseite schloss der erste Vorgängerbau des heutigen Herrenbaus den Burghof. Aufgrund der Befundlage ist ein wesentlich kleinerer, nach Norden verschobener Bau mit stark vorspringendem Mittelrisalit oder einem rechteckigen, mittig gelegenen Treppenturm zu rekonstruieren. Auf der Parkseite fanden sich Nischen von zwei romanischen Lanzettfenstern und im darüber liegenden Geschoss Gewände eines breiten romanischen Rundbogenfensters. Teile eines romanischen Maßwerkfensters unter den Funden weisen auf einen häufiger vorkommenden Fenstertyp aus dem 13. Jahrhundert hin.

Gegenüber diesem Saalgeschossbau stand ein Wohnturm von 8 x 10 m Abmessung, dessen in die Wehrmauer integrierte Ostwand im Aufgehenden erhalten ist. Über einem leicht eingetieften Untergeschoss mit hofseitigem Eingang erhoben sich mindestens zwei Obergeschosse mit spätromanischen Biforien und einem Zugang auf der Südostecke im ersten Obergeschoss. Mit dem Bau der heutigen Ringmauer, die möglicherweise in etlichen Teilen nur eine Erhöhung der romanischen Mauer darstellt, wurde dieser Eingang zugesetzt.

Abb. 9: Sporn,
frühes 13. Jh.
 

Östlich an die Toranlage anschließend fanden sich bei Ausschachtungsarbeiten im und um den Küchenbau die Grundmauern zweier Gebäude. Sie verlaufen leicht diagonal zu der jetzigen Ringmauer, die gleichzeitig die Außenwand des Küchenbaus bildet. Beide Gebäude nehmen in ihrem Wandverlauf Bezug auf eine nicht mehr bestehende Außenmauer, die außerhalb der heutigen Ringmauer lag. Beide Häuser wurden durch einen kaum fundamentierten, auf mittelalterlichem Hofniveau ruhenden Vorbau zusammengefasst. Aufgrund der schriftlichen Quellen und der Funde ist anzunehmen, dass es sich bei dem Ensemble um den Küchenbau, die Kemenate und den Laubenbau handelt, die in der Urkunde vom 30. November 1339 dem Burgmann Winther von Altenburg durch Friedrich von Herzberg (auch Friedrich v. Romrod genannt) zu Lehen aufgetragen wurden. Während im Bereich des Saalgeschossbaus und des Wohnturms keine Holzgebäude als Vorgängerbauten gefunden wurden, begann man hier, die Holzbauten durch solidere Steinbauten zu ersetzen.

Eine rege Neubautätigkeit lässt sich zeitlich aufgrund eines massiven Brandhorizontes im Zusammenhang mit der Fuldaer Stiftsfehde sehen, in deren Verlauf 1265 neben der benachbarten Burg Wartenberg insgesamt 15 Burgen der Region durch den Abt Berthold von Leipholz „gebrochen" wurden.

Südlich des Wohnturms entstand ein Marstallgebäude an der Wehrmauer, das über ein Erdgeschoss und ein bewohnbares Obergeschoss verfügte. Die Stallungen im Erdgeschoss wurden über zwei breite Eingänge erschlossen, von denen einer offenbar aber frühzeitig wieder zugesetzt wurde. Der alte Sattelplatz wurde noch längere Zeit weitergenutzt.

Im Süden der Burg wurde ein weiterer Bau quer zum Saalgeschossbau errichtet, für den die romanische Ringmauer zum Teil abgebrochen wurde. Die Erdgeschossmauer dieses Gebäudes zieht nach Westen durch die Kellerwand des heutigen Herrenbaus bis an die westliche Außenmauer. Nach Freilegung der Kellergewölbe im Rittersaal des Herrenbaus ließ sich anhand der Konsolen der Deckenbalken eindeutig die Genese der Gebäude ablesen. Die drei Räume im Erdgeschoss wurden über zwei getrennte Eingänge erschlossen. Zwei Räume waren vom Hof aus zugänglich, einer vom Erdgeschoss des Saalgeschossbaus aus. In den hofseitig erschlossenen Räumen sind Werkstätten anzunehmen, die bereits vorher in diesem Hofbereich angesiedelt waren. Der Anschluss des Saalgeschossbaus in seinen verschiedenen Bauphasen an die nördlich liegende Toranlage ist bislang ungeklärt.

Die mittelalterliche Burganlage wurde dreimal von größeren Brandkatastrophen getroffen, die stratigraphisch fassbar waren. Jedesmal scheint primär der Bereich des Saalgeschossbaus betroffen gewesen zu sein. Der letzte Brand ist urkundlich in die Zeit um 1350 zu datieren, als im Auftrag des Bischofs von Mainz Adolf von Virneburg u.a. den von Rumerode „brante". In dieser Zeit begannen gleichzeitig die Turbulenzen um die Herrschaft Romrod, da der letzte männliche Erbe in Romrod starb und die vermutlich stark beschädigte Burg seinen drei Töchtern als Ganerbenburg hinterließ. Diese verkauften ihre Anteile an der Burg an die Herren von Erfe und an die Landgrafen von Hessen. Der Herrenbau wurde um 1358 wieder aufgebaut. Er entstand wohl damals in seiner heutigen Kubatur: Wie sich an Fundamenthölzern genau datieren lässt, wurde die Nordwand nach Süden verschoben, der Querriegel im Süden wurde in die oberen Geschossen integriert.

Romrod unter den
Landgrafen von Hessen

In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts konnte Landgraf Hermann II., der Gelehrte, den gesamten Besitz an der Burg erwerben und er richtete hier einen Amtssitz ein. Mit der Übernahme durch die Landgrafen begann die vierte größere Umgestaltung der mittelalterlichen Burg. Der wohl immer durch den steigenden Grundwasserspiegel matschige Hof erhielt statt immer wieder neuer Reiserschichten die erste pflasterartige Befestigung aus dicht gelegten unregelmäßigen Basaltsteinen, die teilweise aus Brandschutt und Abbruchmaterial der Gebäude stammten. In der Südostecke des Hofes, neben dem zweiten Zugang zur Burg, entstand der sogenannte Kanzleiturm, der sich mit seinen abgerundeten „Ecken" in eine Reihe von Turmbauten des Landgrafen Hermann einreihen lässt. Als Vergleichsbauten lassen sich hier die Burg Hermannstein bei Wetzlar (1373-1379) und die Weidelsburg (1377/78) nennen, die etwa zeitgleich entstanden sind.3 Im späten 15. Jahrhundert entstand der Küchenbau in der noch anhand der zugesetzten Fenster ablesbaren Form. Im Zuge dieser Modernisierung wurde auch eine Teuchelleitung zur Wasserversorgung durch den Kanzleiturm zum Küchenbau gelegt. Bei den gesamten Baumaßnahmen wurde auf eine kostspielige Ausstattung verzichtet. Für einen Amtssitz der Landgrafen war Repräsentation der Stärke nach außen wichtig, Luxusausstattung war nicht angesagt.


Abb. 10: Grabungsplan mit den Bauphasen von etwa 1170 bis 1270
1: Bergfried mit Ankerrost, 1190; 2: Zisterne/Brunnen; 3: Haus mit Bohlenwand, 1184; 4: Niederlass am Haus, Fachwerk mit durchlaufender Schwelle, eingezapften Ständern und Flechtwand, 1192; 5: Pferdestall, Pfostenhaus mit Flechtwerkwänden, 1184; 6: Haus, zweitverwendet , Firstsäulenhaus mit Flechtwänden, 1176; 7: Entwässerungsleitung, 1181; 8: Terrasse, Bohlenweg, 1187; 9: Torwange; 10: Küche; 11: Kemenate; 12: Wehrmauer, 2. Hälfte 12. Jh.; 13: Wohnturm, ca. 1220; 14: Romanischer Saalgeschossbau, ca.1230-40 (Herrenbau)
 

Im 16. Jahrhundert entdeckten die Landgrafen Romrod aufgrund seines Wildreichtums als ideales Jagdgebiet und verhalfen dem Amtssitz zu einer Aufwertung als Jagdschloss. Durch eine radikale Umplanung des gesamten Areals wurde dem Zeitgeist entsprechend die mittelalterliche Burg wie so viel Burgen in dieser Zeit in ein Renaissanceschloss verwandelt. Da das Schloss allerdings keinen Residenzcharakter erhalten sollte, wurde auch diesmal mit sparsamsten Mitteln gearbeitet. Der erste wichtige Schritt war die Beseitigung überflüssiger Bauten im engen Burghof, um Luft und Platz zu schaffen. Der mittelalterliche Wohnturm, der Bergfried und der Anbau an den romanischen Saalgeschossbau wurden bis auf das heutige Hofniveau abgetragen. Der gesamte Hof wurde mit dem Bauschutt um etwa
1 m aufgefüllt. Damit war das schwierigste Problem der Burg, die ständige Feuchtigkeit und die dadurch eingeschränkte Nutzung mit vielen Pferden, beseitigt. Die Gebäude wurden unter größtmöglicher Wahrung der Bausubstanz in zwei Bauphasen um 1551 und 1578-87 in Renaissanceformen modernisiert und umgebaut. Der Herrenbau wurde auf Kosten des südlichen Querbaus gründlich umgestaltet: Hofseitig wurden beide Fassaden fast komplett abgetragen. Der Wirtschaftsbau blieb im Kellerbereich stehen, der Herrenbau erhielt eine einheitliche, bis an die südliche Wehrmauer durchlaufende Fassade mit einer neuen Erschließung über einen Treppenturm. Der gotische Zugang zum Rittersaal wurde zugesetzt, der vermutlich hölzerne Treppenanbau abgerissen. Das ehemalige Erdgeschoss wurde zum Kellergeschoss. Das Wirtschaftsgebäude an der Südwand musste mit dem Neubau der angrenzenden Fassade des Herrenbaus in seinen oberirdischen Teilen neu errichtet werden.



Abb. 11: Ankerrost
 Zeichnung: W. Friedrich



Abb. 12: Rekonstruktion eines romanischenFensters Zeichnung: H.-H. Haeffner



Abb. 13: Gotische Fußbodenkachel aus dem Kemenatenbau Zeichnung: W. Friedrich
 

 

Wie die erhaltenen Farbfassungen zeigen, wurde bereits nach wenigen Jahren der Treppenturm wieder verändert und die geraden Fensterlaibungen dem Treppenverlauf angepasst.4 Der Dienerbau wurde als Verbindung zum neuen Tor an die Umfassungsmauer angesetzt. 1578 wurde der Küchenbau im Inneren aufgefüllt und die Fassade erhielt außer einer neuen Tür einige neue Fenster. Die Nutzung als Küchenbau blieb bis in die Neuzeit erhalten und ließ sich an mehreren übereinanderliegenden Ofenhorizonten nachweisen. Der Marstall konnte nach einer Auffüllung des Bodens vorerst weiterbenutzt werden.

 



Abb. 14: Grabungsplan mit den Bauphasen 1270 bis etwa 1360.
15: Wohnhaus; 16: Marstall; 17: Wehrmauer (Erhöhung?); 18: Laubenbau

 



Abb. 15: Rekonstruktionsplan mit den Bauphasen nach 1360.
19: Treppenturm; 20: Dienerbau; 21: Schlachthaus. --- Rekonstruktion; -- Renaisancebauphase

 

Über die Ausstattung der Gebäude geben uns zum einen die restauratorischen Untersuchungen, die schriftlichen Quellen und die Fundkomplexe der Grabung Auskunft. Das gesamte Schloss war wie in der gotischen Periode innen und außen mit einer weißen Schlämme überzogen, die Gewände und Eckquaderungen waren ziegelrot gefasst mit einem grauschwarzen Beiläufer und entsprechender Quadermalerei. Die Ausstattung des Schlosses war den schriftlichen Berichten zufolge äußerst sparsam.5 Die wertvollen Gegenstände wurden bei den Aufenthalten mitgebracht und in der Silberkammer untergebracht. Das Mobiliar bestand überwiegend aus Pfostenbetten, Tischen, Bänken und Eisenöfen. Die Eisenöfen stellten sich aber anhand des Fundmaterials als die Ende des 16. Jahrhunderts üblichen Kachelöfen mit gusseisernem Unterteil und graulüstern glasierten Keramikaufsätzen heraus. Die Ausstattung war ohne Luxus, rein der Zweckmäßigkeit für die Nutzung als Jagdschloss angemessen.


Abb. 16: Ofenkachel des Typs Tannenberg aus dem Saalgeschossbau (Herrenbau), um 1360
 

Im 17. Jahrhundert wurden der Marstall umgebaut und vermutlich gleichzeitig ein Schlachthaus über dem mit Abfall aufgefüllten Kellergeschoss des ehemaligen romanischen Wohnturms errichtet. Der Keller des Herrenbaus erhielt statt der Holzdecke ein Gewölbe, das für die Aufbewahrung des Wildbrets besser geeignet war.


Abb. 17:
Kanzleiturm

1729 wurde noch das Dachgeschoss des Küchenbaus neu aufgeschlagen, dann verlor Romrod aber mit der Einführung der Parforcejagd in Hessen seine Bedeutung als Jagdschloss. In unmittelbarer Nähe wurde eine zeitgemäße Jagdschlossanlage, die nach französischem Vorbild als eine Ansammlung von Pavillonbauten speziell für die Parforcejagd entwickelt worden war, das Jagdschloss Jägertal, errichtet. Das enge Renaissanceschloss Romrod in seinen mittelalterlichen Ausmaßen war für die Unterbringung großer Pferde- und Hundemeuten ungeeignet. Für etwa ein Jahrhundert wurde Romrod wieder nur als Amtssitz genutzt. Um 1830 entdeckten die Großherzöge von Darmstadt den Reiz Romrods als Sommerfrische. Eine größere historistische Umbauphase veränderte den strengen Charakter der schlichten Renaissanceanlage. Fachwerkaufsätze mit aufwendigen Helmkonstruktionen auf den Türmen, Steinsichtigkeit des Mauerwerks und zahlreiche kleinere bauliche Eingriffe geben der Anlage das romantische Bild, das der Vorstellung des 19. Jahrhunderts von der mittelalterlichen Burg entsprach. Der Schlossgraben wurde weitgehend zugeschüttet und das Gelände in einen kleinen Park umgestaltet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird die wandfeste Ausstattung des Schlosses mit dunklen Vertäfelungen, Kassettendecken und Türen mit aufwendigen Bekrönungen dem äußeren Bild angepasst.


In dieser Form als beliebter Sommersitz der Großherzöge überlebte das Schloss trotz politischer Veränderungen und Besitzerwechsel beide Weltkriege.


Abb. 18: Schnitt durch die Burganlage

Anmerkungen

  1. Dendrodaten: Büro Hans Tisje, Neu-Isenburg
  2. Hinweise auf einen ähnlichen Ankerrost fand Thomas Biller kürzlich bei einer Niederungsburg des 13. Jahrhunderts in Nesles en Tardenois, in der Nähe von Soisson.
  3. Gert Strickhausen: Zu den überraschend zahlreichen Bauten mit gerundeten Ecken in Hessen und Thüringen. Beobachtungen zur älteren Baugeschichte des Hohen Hauses auf Schloß Beichlingen, in: Von der Burg zum Schloß – landesherrlicher und adeliger Profanbau in Thüringen, hrsg. von Heiko Laß für den Marburger Burgen-Arbeitskreis e.V., Bucha b. Jena 2000
  4. Restauratorische Untersuchungen: E. Schaper, Altenburg
  5. Staatsarchiv Darmstadt, Inventar von 1576 und 1587