Gisela Kniffler

Georg Hieronymis Rattenfänger von Oberursel

Generationen von Grundschülern, die seit 1950 die Bänke der Grundschule Nord in Oberursel gedrückt haben, sind die Wandbilder, die den Flur des Nordflügels zieren, bestens bekannt. Sechzig Meter lang ist der Gang, den 12 Märchendarstellungen schmücken. Es sind, bis auf ein Wandbild, Märchen der Gebrüder Grimm, die durch den damals 36-jährigen Maler Georg Hieronymi ihre bildnerische Interpretation erfahren haben.

Die Bilder waren der erste größere Auftrag des von Kriegserlebnissen und russischer Gefangenschaft tief geprägten Malers. Eine Fülle von Zeichnungen waren zuvor im Schützengraben und Gefangenenlager entstanden. Bedrückende, beängstigende Arbeiten, deren Inhalt und Hintergrund Hieronymi nur allmählich hinter sich ließ. Zum Teil mit hintergründigem Witz, Humor und einer Prise Spott suchte er das Erlebte gleichviel karikierend zu entlarven wie zu kaschieren.

Mit lockerem Pinselstrich, aquarellartig die Ölfarbe unmittelbar auf die Wandflächen zwischen den Klassentüren auftragend, entstanden in der neu gebauten Grundschule Nord in Auswahl und Darstellung pädagogisch und künstlerisch höchst einprägsame Bilder. So z.B. das der Sieben Schwaben, die sich, jeder einzelne gestalterisch und physiognomisch ausgereizt, von einem Hasen ins Bockshorn haben jagen lassen, oder das der tänzerisch verträumten Kinder von Hameln, die unbedacht der verführerischen Gestalt des Rattenfängers gefolgt waren, dem mehr als deutlich die Ratten als Signet vorausjagen. Sicherlich ließe sich für jedes dieser Märchenbilder ein passender, zeitgebundener Hintergrund entwerfen, würde da nicht der Reigen der Grimmschen Märchen durch die Darstellung jenes Feldherrn aus dem Volksbuch „Die Schildbürger" (1598) unterbrochen, der zu Gunsten Schildas der Klugheit abgeschworen und sich in den Dienst der Dummheit gestellt hatte.

Heute wie damals ist und war die Geschichte von den Schildbürgern kaum einem Erstklässler bekannt, so dass das 1950 so unverfänglich gemalte Wandbild möglicherweise schon damals der Erläuterung, Interpretation und Mahnung mit Blick auf die gerade abgeschlossen geglaubte Vergangenheit bedurfte.

Der unvergängliche Reiz der Bilder liegt in der malerischen und künstlerischen Qualität. Sie gehören zum besten, was Georg Hieronymi je geschaffen hat. 1999 mussten die völlig verschmutzten, von Rissen durchzogenen Bilder restauriert werden. Eine aufwändige und schwierige Arbeit, da der Bildhintergrund der aquarellierend aufgetragenen Ölfarbe gleichzeitig auch die umgebende Wandfarbe war. Die Instandsetzung der Wandbilder wurde von Restauratorin Andrea Frenzel durchgeführt. Das Landesamt für Denkmalpflege hat die Maßnahme betreut und finanziell unterstützt.

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