Verena Jakobi

„Ich habe geruht in Euch – Kinder Israels"

Wie in den meisten ländlichen Orten lebten auch in Harmuthsachsen viele jüdische Mitbürger: Die jüdische Gemeinde wurde hier erstmals 1342 erwähnt, im Jahr 1835 waren es 118 und 1861 sogar 130 Juden, die natürlich den Wunsch hatten, sich in eigenen Gemeinschafts- und Kulträumen zu treffen und zu feiern. Während z.B. im nahe gelegenen Ort Meißner-Aberode die jüdische Gemeinde 1869 mitten im Zentrum des Ortes eine repräsentative neoromanische Synagoge errichtete, baute sich die jüdische Gemeinde eine Scheune aus dem frühen 19. Jahrhundert zu einer Synagoge um. Mitten im Ortskern nahe der evangelischen Kirche gelegen stand sie in direkter Nachbarschaft zum ehemaligen jüdischen Gemeindehaus, in dessen Obergeschoss Schule und Lehrerwohnung und in dessen Untergeschoss die Mikwe untergebracht war. Die zur Synagoge umgebaute Scheune steht an zwei Seiten weitgehend frei und lehnt mit der Westseite an einer Nachbarscheune. Das Dach ist sattelförmig, mit Krempziegeln gedeckt und von einer schmalen Schleppgaube belichtet. An der südlichen Hof- und Eingangsseite wurden links der Eingang, rechts zwei hohe, einem Sakralbau würdige Sprossenfenster eingebaut. Der Ostgiebel erhielt einen trapezförmigen Erker mit Rundbogenfenstern und Pultdach. Der Thora-Schrein wurde hier aufbewahrt und mit einem Segmentbogenportal aus Holz umrahmt, auf dessen Bogen die hebräische Inschrift: „Ich habe geruht in Euch – Kinder Israels" zu lesen war. Der Treppenaufgang zur dreiseitigen Empore lag an der Westseite nahe dem Eingang. Der Sandsteinboden zeigte bei der Sanierung noch eine ausgenommene quadratische Fläche, wo der Almemor, ein gemauertes Podest für den Vorbeter, gestanden haben muss.

1833 wurde die Synagoge geweiht. Schon ein Jahrhundert später, im Jahre 1936, gab es in Harmuthsachsen keine jüdische Gemeinde mehr. In der Pogromnacht blieb der Bau unbeschädigt, weil er zu diesem Zeitpunkt schon wieder als Scheune genutzt wurde. Die Kultgegenstände waren zwar bereits nach Kassel ausgelagert, wurden hier aber im November 1938 zerstört.

Bei dem Umbau zur Scheune wurde das Äußere der Synagoge nur insofern verändert, als der ehemalige Eingang in ein hohes Scheunentor umgewandelt wurde, hinter dem die Arbeitstenne lag. Dadurch und zugunsten des Einbaus einer zweiten Bansendecke im Ostteil verschwand die Empore vollständig.

Wie viele andere Wirtschaftsgebäude wurde auch diese Scheune in den letzten Jahrzehnten nicht mehr gebraucht und verfiel zusehends. Als der ehemaligen Synagoge um das Jahr 1990 der endgültige Verfall drohte, empfahl der Magistrat dem Parlament, das Gebäude zu kaufen, zu sanieren und für kulturelle Zwecke zu nutzen. Im Zuge der Dorferneuerung hätten Landesgelder in die Maßnahme fließen können. Als die Waldkappeler Stadtverordnetenversammlung den Kauf der ehemaligen Synagoge ablehnte und gleichzeitig ein Abrissantrag des Eigentümers abgelehnt wurde, handelte der Bürgermeister Peter Hillebrandt auf eigene Faust: Er pachtete 1995 das Gebäude zu einem symbolischen Preis und das Landesamt für Denkmalpflege Hessen führte mit Hilfe des ehemaligen „Deutschen Zentrums für Handwerk und Denkmalpflege", heute „Propstei Johannesberg, Fortbildung in Denkmalpflege und Altbauerneuerung" die Sanierung durch. Um die Einsturzgefahr abzuwenden, wurde nach Vorlage eines statischen Gutachtens ein Stützkorsett im Inneren entwickelt. Es wurden Zimmermanns-, Tischler- und Dachdeckerarbeiten durchgeführt und die Arbeiten, die nicht vom ZHD vorgenommen werden konnten, sind an die Werkstatt für Arbeitslose in Eschwege oder Fachfirmen vergeben worden. Die Apsis für den Thoraschrein musste komplett erneuert werden. Fenster wurden restauriert und wenn nötig rekonstruiert. Rekonstruiert wurden auch der Synagogeneingang und der Dachreiter. Der Sandsteinboden soll ebenso wieder hergestellt werden wie die Rahmung des Thoraschreines, deren hölzerner Rahmen samt Inschrift noch erhalten ist.

Insgesamt wurden 225.000 Euro in das Projekt investiert. Dieses Jahr läuft der bis ins Jahr 2005 geschlossene Pachtvertrag ab und Bürgermeister Hillebrandt wünscht sich, dass ein Verein sich für das Gebäude engagiert und es für kulturelle Veranstaltungen aller Art nutzt. Schon jetzt engagieren sich immer mehr Menschen für die ehemalige Synagoge – wie der evangelische Pfarrer Rolf Hocke in Waldkappel, der z.B. die musikalische Tradition der Synagogen wieder zum Leben erwecken oder Hebräisch-Kurse anbieten möchte.

Im Jahre 2004 konnte Herr Peter Hillebrandt für sein einzigartiges Engagement und seinen gegen alle Widerstände mutigen Einsatz für ein jüdisches Gotteshaus unter minutenlangem Applaus den Hessischen Denkmalschutzpreis entgegennehmen.