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Hans Teubner Vergessene Bauwerke - "Laubhütten" in Hessen

1 Urhütte, Titelblatt v. Laugier, Essais sur l'architecture, 1753, Kupferstich
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Die Denkmalpflege sieht sich in den letzten Jahren mehr und mehr zur Rettung der wenigen Reste jüdischen Kulturguts gefordert, die das Nazi-Regime und der Zweite Weltkrieg übriggelassen haben.
Umso mehr verwundert es, daß es noch immer gebaute Dokumente jüdischer Religionsausübung gibt, von denen bisher weder die Denkmalpflege noch die Kunstwissenschaft Notiz genommen haben:
die "Laubhütte" oder "Sukkah". Da die "Laubhütte" hier zum ersten Mal als Gegenstand der Denkmalpflege vorgestellt wird, sei es dem Autor erlaubt, zunächst einige allgemeine Informationen zu geben,
bevor die wenigen bis heute erhaltenen bzw. bekannten Exemplare dieser Denkmalgattung vorgestellt werden.I.
 2 Villalpandus, Tempel
Salomoni, 1600
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Die "Laube" (vom germ. Wort "louba", Schutzdach aus Rinde) mit den daraus abgeleiteten Lehnworten "Loggia" und "Loge" kennzeichnet eine seit altersher gebräuchliche Architekturform, einen
galerieartigen, an den Seiten offenen Raum, zumeist Anbau eines Hauses. Die lateinische Übersetzung lautet "Tabernaculum" (Vocabularius Teutonicus, 1482) und bedeutet auch
"Altarbaldachin". Seit dem 16. Jh. taucht auch die Bedeutung "Gartengebilde aus leichtem Lattenwerk" auf, das schon im Mittelalter gleichermaßen als "Tabernaculum" oder "Hag" bezeichnet
wurde. Dies zum Sprachlichen.

3 Laubhütte, Amsterdam Haggadah (1695)
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Hier interessiert nur der spezifisch-jüdische Inhalt des Wortes "Laubhütte", doch muß darauf hingewiesen werden daß der gebaute Gartenraum als künstlerisches und religiöses Phänomen für eine
umfassende Tradition in Orient und Antike steht. Dies kann hier nur angedeutet werden. Der Rahmen spannt sich von altägyptischen Tempel- und Grabarchitekturen über die "mythologischen
Lauben" der Ptolemäer, in denen Blumen, Früchte und Weihgeschenke dargebracht wurden, bis hin zu den "elysischen Weinlauben" in etruskischen Gräbern. Die Reihe setzt sich nahtlos fort in
römische und frühchristliche Zeit und bis in die Neuzeit. Die Laube war fast immer mit Vorstellungen vom Paradies und von der "Hütte Gottes" verbunden.

4 Miniatur aus einem Gebetbuch, Corfu, Griechenland, 1700
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Die Vorstellung von der aus Ästen und Blättern
gefertigten "Urhütte" als Beginn alles menschlichen Bauens, wie sie bereits in italienischen Architekturtraktaten des 16. Jh. angeklungen ist, kehrt als Titelblatt in Laugiers berühmten "Essais sur
l'architecture" von 1753 wieder (Abb. 1).Für unser Thema, die jüdische Laubhütte, sind vor allem diese Vorbilder wichtig: der tragbare Opferaltar und die Hütten der Juden während ihrer
Wanderung in der Wüste und die Beschreibungen des Tempels Salomoni im Pentateuch (Abb. 2). II. Das "Laubhüttenfest" (Sukkoth), ursprünglich wohl eine Art von Erntedankfest, ist nach der
Gesetzgebung das dritte der großen jüdischen Feste. Es wird Anfang Oktober begangen und trägt seinen Namen von der uralten Sitte, dabei in sogenannten "Laubhütten" (Sukkah) zu wohnen, die
man in den Höfen, Straßen und Gärten oder auch in den Häusern und auf den Dächern erbaute. Dies im Gedenken an den Auszug des Volkes Israel
aus Ägypten (Leviten 23, 43; Nehemia 8, 14f.): "In Hütten sollt ihr wohnen sieben Tage." Maße und Aussehen der Hütte waren im Talmud exakt vorgeschrieben, ebenso die zeremoniellen
Handlungen, die darin vorgenommen wurden, so z.B. das Lesen der hl. Schriften (Thora), das feierliche Wasserschöpfen oder die abendliche Lichtfeier. "Sie verfertigen aber unter freyem
Himmel eine Hütten, bedecken dieselbe mit grünem Laub ..., doch so, daß man noch die Sterne dadurch sehen kann." (P. Chr. Kirchner, Jüdisches Ceremonial, 1724).
In der Regel wurden die Laubhütten eigens zum Fest im Herbst aus Latten und Zweigen errichtet und hinterher wieder abgerissen, wobei die Vorschriften des Talmud offenbar streng befolgt
wurden, wie alte Abbildungen des 17. und 18. Jh. zeigen (Abb. 3-6). Dies ist auch heute zumeist noch der Fall.

5 Kirchner, Jüdisches Ceremonial, Fürth, 1724
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Doch gibt es auch Beispiele, wo die
Laubhütten keine vorübergehenden Konstruktionen waren, sondern ständige bauliche Anlagen, die das Jahr über stehen blieben und auch benutzt wurden. Von diesen ist in diesem Aufsatz die Rede.Es war früher wie noch heute
vielfach üblich, eine große Laubhütte für die ganze Gemeinde im Hof der Synagoge zu erbauen, wo sie für die Dauer des Festes stehen blieb. Der Autor hatte selbst Gelegenheit, eine solche Laubhütte
im Hof der Synagoge von Florenz zu besichtigen. Ebenfalls aus Italien sind zwei Synagogen bekannt, wo dauernde Installationen zur Ausschmückung einer solchen gemeinschaftlichen
Laubhütte vorhanden sind: ein mit einem Luzernar gedecktes Vestibül bei der Synagoge von Modena, vor allem aber ein schöner Säulenportikus mit Holzgestänge und Drähten im Hof der
Synagoge von Ferrara (Abb. 7), der alljährlich zum Fest mit Zweigen einer eigens zu diesem Zweck in Bordighera gezüchteten Palme ("palma ebraica") verkleidet wurde. III.

6 Sukkoth, Kupferstich (nach Bodenschatz, Kirchl. Verfassung), 1748
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Es hat offenbar zu allen Zeiten auch schon Privatleute gegeben, die sich permanente Laubhütten errichtet haben. Dem Frankfurter Forscher Isidor Kracauer ("Die Geschichte
der Judengasse in Frankfurt am Main", Frankfurt 1904) verdanken wir einen eindrucksvollen Bericht über die bedrängten und hygienisch katastrophalen Wohnverhältnisse der Juden, die seit 1462 in einem
Ghetto, im früheren "Wollgraben" außerhalb der Stadtmauern, zusammengepfercht auf engstem Raum leben mußten. Der Grundplan der Judengasse von 1711 zählt beiderseits der engen, an
den Enden jeweils durch Tore abgeschlossenen Gasse nicht weniger als 194 lange, schmale Parzellen, auf denen nicht nur vorn das Wohnhaus, sondern auch eine Unzahl von Schuppen und
kleinen Nebengebäuden standen. Matthäus Merian vermittelt in seiner Stadtansicht von 1628 anschaulich den eklatanten Unterschied zwischen den Wohnverhältnissen der Christen und Juden (Abb. 8).

7 Ferrara, Innenhof der Synagoge, Installation für die Sukkah
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Kracauers Publikation enthält eine
große Zahl von schriftlichen und bildlichen Dokumenten, u.a. auch über die einst dort befindlichen Laubhütten, von denen übrigens einige im Holzmodell der Judengasse im neueröffneten Jüdischen Museum in Frankfurt
wiederzuerkennen sind. Was das Holzmodell jedoch nicht verdeutlicht, sind die zahllosen Kleinstgebäude in den Höfen (Abb. 9 und 10). So gab es nach dem "Judenbaubuch", Kracauers wichtigster archivalischer Quelle,
am Anfang des 17. Jh. in den Hinterhöfen der Judengasse "Ställe, Schuppen und kleine Bäulein", die sich an die Stadtmauer lehnten, aber nicht über diese hinausragen durften.

8 Matthäus Merian, Frankfurt a.M., Stadtansicht von 1628, Ausschnitt: Judengasse und Dominikanerkloster
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"Dort standen", schreibt Kracauer, "wohl auch Laubhütten (Lauberhütten, Sicke, Sicklin), unter ihnen seltsamer Weise manchmal auch Abtritte" (Profei). Das "Judenbaubuch" notiert
beispielsweise: "Das Haus zum Wolf hat wie verschiedene andere im Hof eine Lauberhütten und ein heimlich Gemach darunter", ebenso wie das Haus zur Sonne, "bei diesem ist die Profei gewölbt." An anderem Ort
heißt es: "Bei Seligmann zum Paradeiss ist das Haus so baufällig, alss eines zu sein mag; im schwarzen Hirsch ist die Sicke (Laubhütte) zu repariren." Die
Laubhütten und Profeien waren zumeist über hölzerne Stege, gelegentlich auch einmal über unterirdische Gänge mit den Vorderhäusern verbunden und nahmen einen Teil des knappen
Hofraums zwischen Vorder- und Hinterhaus, genannt "in die Sicke", ein. Der Maler Karl Theodor Reiffenstein beschrieb im 19. Jh. die Hinterhöfe so: "Sie waren mit einer Menge
seltsamer Hinterbauten und Sommerhäuschen besetzt, die meistens auf der Mauer ... aufgesetzt waren." Diese Situation zeigen seine Zeichnungen (Abb. 10 und 18) und ein altes Foto von 1856 (Abb. 9).

9 Die Judengasse in Frankfurt, Rückansicht, Photo v. 1856
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Kracauer bildet sogar einige
Zeichnungen solcher Kleingebäude aus dem Rechnei-Register des Historischen Museums ab: Das Haus zum schwarzen und weißen Bären besaß ein zweigeschossiges Gartenhäuschen, unten massiv, oben als offene Fachwerklaube
konstruiert (Abb. 11). Zum Gartenhaus zum güldenen Faß (Abb. 12) schreibt er: "Die Brüstung im ersten Obergeschoß ist mit Balustern ausgefüllt, die Decke des Obergeschosses scheint in
gewölbeartiger Verschalung ausgeführt gewesen zu sein. Dieses kleine, zierliche Gebäude diente wohl auch als Laubhütte." Zu einer dritten Zeichnung bemerkt Kracauer: Die Skizze (Abb. 13)
"stellt einen sehr luftigen, zweigeschossigen Bau aus Fachwerk dar, als Hinterbäulein zur roten Traube' bezeichnet, dem Anschein nach mit einer gewölbten Holzdecke, die Brüstung im
Obergeschoß ist mit Rankenwerk verziert; auch hier ist das Bestreben sichtbar, das Auge durch einigen Schmuck zu erfreuen. Der Bau ward wohl auch als Laubhütte benutzt."

10 Hinterhöfe in der Frankfurter Judengasse (Reiffenstein, nach O. Lindheimer)
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Durch die wertvolle Hilfe eines mit vorzüglichem Gedächtnis
ausgestatteten Fuldaer Bürgers bin ich zur Kenntnis von der früheren Existenz solcher Laubhütten in Fulda (Heinrichstr. 33) gelangt. Er schickte mir freundlicherweise eine Zeichnung und Fotos (Abb. 14 und 15). Über die Laubhütte
schreibt er folgendermaßen:" Wir wohnten seinerzeit in Nachbarschaft etlicher jüdischer Familien. Auch unser Hauseigentümer war jüdischer Religion. Sie nannten die Laubhütte "Sugge" .
So klang es jedenfalls phonetisch, die Schreibweise ist mir nicht bekannt. Das Foto zeigt die Laubhütte nur am Rande. Gegenstand der Aufnahme war das 1944 durch Bomben zerstörte Gebäude im Hintergrund. Die
eigentliche Laubhütte befindet sich auf dem Bild in einem recht verkommenen Zustand, was einmal auf die Kriegseinwirkung zurückzuführen ist und zum anderen darauf daß sie seit 1938 nicht mehr ihrem eigentlichen
Zweck diente, sondern zur Lagerung von Brennmaterial usw. benutzt wurde. Die Laubhütte stand hinter Wohngebäude und Hof am Rande des Obst-, Gemüse- und Blumengartens und war in Holzbauweise an die Mauer zum Nachbargrundstück fest
angebaut und mit einem grünen Anstrich versehen. Sie hatte einen Holzfußboden mit einem Linoleumbelag. Die rückwärtige fensterlose Wand sowie die übrigen Freiflächen
waren tapeziert. An einen Bildschmuck o.ä. kann ich mich nicht erinnern. An den Festtagen war sie aber bestimmt in irgendeiner Form ausgeschmückt. Das nach vorn
geneigte Dach war mit Blech beschlagen und hatte zwei aufgesetzte, geteilte große Dachluken, die sich mittels eines von innen zu bedienenden Seilzuges aufklappen ließen.
Ansonsten bitte ich die Ansicht aus der beigefügten Skizze zu entnehmen. Die Ausstattung der Hütte bestand lediglich aus einer schmalen Tafel mit einer der Familiengröße
entsprechenden Anzahl von Stühlen. Um zu verhindern, daß bei geöffnetem Dach Laub o.ä. in den Raum fielen, war an der Innendecke im Bereich der Luken ein Weidengeflecht angebracht, so daß man also noch immer unter freiem Himmel saß.
11 Frankfurt, Judengasse, Hinterhaus zum schwarzen u. weißen Bär |
12 Frankfurt, Judengasse, Gartenhaus zum güldenen Faß |
13 Frankfurt, Judengasse, Hinterhaus zum roten Trauben |
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Auf dem Nachbargrundstück befand sich ebenfalls eine fest installierte Laubhütte, die am Wohngebäude selbst angebaut war. Wegen ihrer geringeren Größe besaß sie nur eine
einzige Dachöffnung, die mit dem gleichen Mechanismus wie vor bedient werden konnte. Die Seilrolle war dabei an der Hauswand befestigt. Eine auf dem anderen Nachbargrundstück wohnende jüdische Familie errichtete dagegen
am Laubhüttenfest auf der Rasenfläche hinter dem Haus eine zerlegbare Laube - ähnlich einer heutigen Baubude -, die auch über ein aufstellbares Dach verfügte. IV.
Der Schlußabschnitt ist den bis heute erhaltenen Laubhütten, d.h. den mir zur Kenntnis gekommenen, vorbehalten. Die Anregung verdanke ich dem Michelstädter Ehrenbürger Martin
Schmall, der sich in seinem Buch "Die Juden in Michelstadt" bereits um dieses Thema verdient gemacht hat.

14 Fulda, Heinrichstr. 33, rechts: Laubhütte
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Im Odenwald gab es überdurchschnittlich viele jüdische
Kleingemeinden. Das hatte seinen Grund in der besonderen Haltung der Standesherrschaft, des Erbacher Grafenhauses, das in der Aufnahme von Juden ein fiskalisches Privileg sah, das ihnen
wirtschaftliche Vorteile brachte. "Das Schutzgeld ... in diesen Gebieten war weitaus niedriger als bei den ,Großstaaten', und insoweit fand zugunsten der ,Schutzjuden' ein ,unlauterer
Wettbewerb' unter den Schutzherren statt." (P. Arnsberg). So gab es in fast allen Städten und größeren Dörfern der Grafschaft Erbach - außer in Erbach selbst -jüdische Gemeinden, Synagogen und
Friedhöfe. Nur hier, soweit mir bisher bekannt ist, gibt es bis heute noch einige Laubhütten. Es soll mich jedoch freuen, wenn sich diese Feststellung vielleicht sogar als Folge dieses Artikels - einmal als
voreilig herausstellen wird.
  15 Fulda, Heinrichstr. 33, ehem. Laubhütte (T. Ludwig nach Skizze von F. Boecken)
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Reichelsheim im Odenwald (Abb. 16)

16 Reichelsheim/Odw., Beerfurther Str. 5 (1964 zerstört)
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Am Anfang steht das Beispiel einer Laubhütte in Reichelsheim, die es nach dem Abbruch des Hauses 1964 leider nicht mehr gibt. Es handelt sich um das frühere Haus des Moses Maier, das in der
Beerfurther Str. 5 stand. Es war ein besonders schönes Exemplar, das bisher nicht als Laubhütte identifiziert worden ist. Dem Haus selbst, einem typischen Odenwälder Wohnstallhaus mit massivem Sandsteinsockel (mit Stall), hoher
Freitreppe und Fachwerkobergeschoß aus der Zeit um 1780/1820, war vorn ein geräumiger, weit über die Freitreppe erkerartig vorspringender Anbau aus Fachwerk vorgesetzt, der sich auf fünf
Holzständer stützte. Der Anbau war mit einem Satteldach gedeckt und enthielt vermutlich einen großen ungeteilten Raum.Michelstadt

17 Michelstadt, Neutorstr. 3
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In seinem zitierten Buch schreibt
M. Schmall: "Alte Michelstädter können sich wohl noch erinnern, daß im Herbst in jüdischen Anwesen, meist auf Veranden, in Anbauten oder im Garten einfache Hütten aufgebaut wurden, deren Dach mit Tannengrün bedeckt, die
Wände mit Bachweiden verkleidet und mit Myrthe und Lulav (Palmzweige) ausgeschlagen waren. An den Wänden war der Feststrauß aus Etrog (Zitrusfrucht) und Obst aufgehängt. In solchen Hütten hielten sich die jüdischen
Hausbewohner an den 7 Tagen möglichst oft auf, um die heiligen Bücher zu lesen, Freunde und Gäste zu empfangen und auch Mahlzeiten einzunehmen." Und er nennt auch zwei noch heute
bestehende Beispiele, den hinteren Anbau am Haus Neutorstr. 3 und eine Gartenlaube im Garten des Hauses Erbacher Str. 12.

18 Laubhütte (Reiffenstein, nach O. Lindheimer, 1883)
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Das Gebäude Neutorstr. 3 besitzt im Obergeschoß auf der Rückseite einen mit Satteldach gedeckten kleinen Fachwerkanbau (Abb. 17), der noch bis 1982 auf hölzernen
Freipfosten stand. Das Haus, das 1814 vom Handelsmann Herz Bamberger erworben wurde, wird im Brandkataster gleich nach 1814 (und noch einmal 1850) so beschrieben:
"1/2 Wohnhaus nebst der Hälfte eines Laubhüttenbaues." Die Bauweise dieses normalerweise wohl als Wohnraum benutzten Anbaus entspricht exakt einer Abbildung des Frankfurter Malers Reiffenstein aus der Judengasse (Abb. 18).

19 Michelstadt, Erbacher Str. 12, Gartenlaube
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Das. Haus Erbacher Str. 12 war der Wohnsitz des weit über Michelstadt hinaus berühmten "Baalschem" Rabbi Sekkel-Löb Wormser (1768-1847), eines bedeutenden Gelehrten und Menschenfreundes, der das Haus nach dem Brand
seines Hauses in der Großen Gasse 1826 gekauft und bis zu seinem Tod bewohnt hatte. Später wohnten hier der Ellwarenhändler Ferdinand Strauß und der Konfektionshändler Mayer Strauß. Im
Garten steht bis heute die ehemalige Laubhütte in Gestalt einer schmucken gußeisernen Gartenlaube mit Ziegeldach (Abb. 19). Auch der rückseitige Balkon des geteilten Hauses (Abb.
20) mag im Herbst zum Aufbau einer Laubhütte gedient haben, so wie dies vom Haus des Holzkaufmanns Heinrich Oppenheimer (1938 nach Frankfurt umgezogen, 1942 nach
Theresienstadt deportiert) in der Braunstr. 22 von Augenzeugen berichtet wird.

20 Michelstadt, Erbacher Str. 12, Balkon
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Die nebeneinanderstehenden Häuser Waldstr.
26 und 28 in Michelstadt besitzen zwei besonders gut erhaltene Laubhütten, die in den Brandkatastern des 19. Jh. als "Hinterbau" erwähnt werden. Leider ist die eine durch die allzu dicht anschließende
Nachbarbebauung kaum zu sehen und zudem mit Asbestzementplatten verkleidet.Dagegen ist die Laubhütte von Nr. 28 (Abb. 21 und 22) gut erkennbar und vor allem gänzlich unverändert erhalten. Wie in der Neutorstraße
handelt es sich bei beiden um auf hölzernen Freipfosten stehende Fachwerkanbauten mit Satteldach, die auf der Rückseite über den einstigen städtischen Abflußgraben gebaut sind. Als Besonderheit ist der Laubhütte Nr. 28 ein winziges
Untergeschoß "untergehängt", aber kein "geheimes Gemach" wie in Frankfurt, sondern ein Magazin für Öle, Fette und Seifen des Mieters des Erdgeschosses, des 1939 nach den USA
ausgewanderten Samuel Hecht. Besitzer des Hauses war der Altwarenhändler Emanuel Frank, seit 1923 ein Leo Frank.

21 Michelstadt, Waldstraße 28
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Die 70jährige Bewohnerin eines Nachbarhauses kann sich noch gut erinnern, was sie als Kind erlebt hat: Ihre "Gote", die am Sabbath (Schabbes) bei der streng nach den
Glaubensregeln lebenden Familie Hecht das Licht anknipste und Feuer machte, also den Dienst der "Sabbathsfrau" (Schabbes-Goj) versah, wohnte zur Miete im 1. Stock des Hauses Frank (Nr. 28). Zu ihrer Wohnung gehörte der
Laubhüttenanbau, der von ihr mitbenutzt wurde. Zur Zeit des Laubhüttenfestes aber mußte der Anbau geräumt werden. Die 70jährige erinnert sich, daß die "Gote" dann immer sagte: "Räumt
mir schnell die Küche auf und legt eine weiße Tischdecke auf"' und: "Beeilt euch mit dem Essen, die Juden kommen!" Über das Aussehen der Laubhütte erzählt sie,
daß in der Decke des Raumes ein offenes Holzgitter untergehängt war, das zum Fest mit Trauben und grünen Zweigen geschmückt wurde (Abb. 23). Im Dach waren, ähnlich wie in
Fulda, zwei Blechfenster eingelassen, die hochgestellt werden konnten, damit das Licht einfiel und somit den Vorschriften des Talmud Genüge getan war.

22 Michelstadt, Waldstraße 28
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Zum Aussehen seiner eigenen Laubhütte in
Bad König schrieb mir sehr anschaulich der schon 1926 nach Amsterdam ausgewanderte frühere Königer Leo Schwarzschild: "Unsere Sukkah ... wurde jedes Jahr abgebrochen und im Herbst durch einen Zimmermann wieder
aufgebaut. Eine feste Sukkah ist eigentlich ein Widerspruch zu der ursprünglichen Bedeutung ... Unsere Sukkah wurde zwischen dem Haus und dem (heute verrohrten) Bach aufgebaut, und damit war ihre Größe bestimmt.
Im allgemeinen kann man sagen, daß sie so groß war, daß man einen Eßtisch darin unterbringen konnte ... Gebraucht wurde die Sukkah beinahe ausschließlich für die Mahlzeiten (als Kinder haben wir darin
gespielt, natürlich). Das Dach bestand aus Latten, auf denen Laub, d.h. grüne Äste, lagen. Verziert wurde die Sukkah mit Papierguirlanden, und es hingen Äpfel und andere Früchte von der Decke ...
Wir haben immer aus Glanzpapier Hänger' geschnitten, in denen dann Kastanien und Nüsse hingen«. Die Erinnerung an die Schwarzschild'sche Laubhütte und an die
etwas einfachere ihrer Nachbarn Oppenheimer ist bis heute bei einigen älteren Königer Bürgern lebendig geblieben, so z.B. beim damaligen "Schabbes-Goj", der sich noch heute gut an
Einzelheiten erinnert. Leider ist ein kleiner Judenfriedhof das einzige überlebende Zeugnis der jüdischen Präsenz in Bad König. Ein Gewänderest der 1938 mit Steinwürfen zerstörten
Synagoge mit der Jahreszahl 1804 ist in der Waschküche eines Hauses eingemauert.
 23 Laubhüttenfest,
Schmücken der Sukkah, Italien, 19. Jh.
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 24 Neustadt, Erbacher Str. 30, Hofseite
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Letztes Beispiel: In Neustadt (Breuberg) befindet sich auf der Hofseite des stattlichen Hauses Erbacher Str. 30 eine pfeilergestützte Veranda (Abb. 24), die auf einem Plan von 1889 in
Bleistift als Neubau eingezeichnet ist. Sicher kein Zufall: Das Haus gehörte eben zu dieser Zeit den Ellwaren- und Spezereihändlern Tösel und Mardochai Wolf. Obgleich ein Beleg fehlt, darf
man wohl doch aufgrund dieser damals für ländliche Gegenden äußerst ungewöhnlichen Bauform auf die einstige Funktion dieser Veranda als Laubhütte schließen.
 Moritz v. Oppenheim, Laubhüttenfest, 1838 Ölbild,
Hist. Mus. FfM. (aus: M. Schmall, Die Juden in Michelstadt)
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