Fragen der Baugeschichte und der Archäologie

Wenig wissen wir über die architektonische Gestalt eines der bedeutendsten Klöster der karolingischen Epoche. Gezielte archäologische Grabungen könnten mehr Licht in dieses Dunkel bringen

Aus zahlreichen schriftlichen Quellen kennen wir die Bedeutung des Klosters Lorsch im frühen Mittelalter. Umso mehr überrascht es, wie wenig wir über seine bauliche Gestalt wissen und selbst das einzige erhaltene Bauwerk dieser Epoche, von uns heute „Königshalle" genannt, verschweigt die Gründe für sein Entstehen. Zu viele Jahrhunderte sind vergangen, seit Kaiser Friedrich II. im 13. Jahrhundert das Kloster dem Erzbischof von Mainz unterstellte und damit um seine Macht brachte, seit den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert, der kontinuierlichen Verschleppung von Baumaterial durch die Lorscher Bevölkerung und die Winderosion auf der flachen, langgestreckten Düne, als daß sich noch viel von den Bauwerken hätte erhalten können. Und doch haben die vor siebzig Jahren begonnenen und mehrere Jahre dauernden archäologischen Untersuchungen von Friedrich Behn vieles klären können, obwohl er fast nur noch die unterste Sohle von Fundamenten und dort auch meist nur Verfärbungen des Sandes durch Erde fand, aus denen er die Lage der Fundamentgräben erschloß. So kennen wir heute die Ausdehnung der früheren kirchlichen Anlage recht gut.

Sie begann im Westen mit einem Klostertor, an das sich ein 70m langes, circa 35 m breites Atrium anschloß. Es stieg leicht nach Osten hin an und wurde rechts und links durch etwa fünf Meter breite Bauten begrenzt. In diesem Atrium stand die sogenannte „Königshalle", näher zum Klostertor hin als zur Pforte im Osten, hinter der vermutlich ein weiteres Atrium lag, das später von dem heute noch stehenden Kirchenrest überbaut wurde. Hinter diesem zweiten Atrium lag die Kirche. Sie hatte ein breites Mittelschiff und schmalere, wohl auch niedrigere Seitenschiffe, vermutlich ein Westwerk mit einer Empore und einen einfachen östlichen Abschluß mit kleiner Apsis. Um das Jahr 876 wurde an diesen östlichen Abschluß ein weiteres Bauwerk angebaut. Wir nehmen heute an, daß es sich dabei um die aus den Schriftquellen bekannte ecclesia varia handelt, die Grablege der ostfränkischen Karolinger.

Die Abfolge der einzelnen Gebäude von Westen nach Osten ist also einigermaßen bekannt; über ihre Gestalt wissen wir hingegen nichts. Entsprechend unterschiedlich fallen daher die Ergebnisse der Überlegungen zu ihrer Rekonstruktion aus und entsprechend unversöhnlich stehen sich die verschiedenen Auffassungen gegenüber. Zu viele Fragen blieben und bleiben offen: War die Apsis der Kirche halbrund oder rechteckig? Gab es nicht doch ein östliches Querschiff, oder vielleicht östliche Flankentürme? Wieviele Pfeiler hatte die Kirche? Kann man die Erdverfärbungen im Westen der Kirche tatsächlich als ein Westwerk mit Empore deuten, oder war es nicht eher ein Westchor mit davorgelagertem Narthex und seitlichen Eingängen? War die Fläche westlich der Kirche tatsächlich zunächst unbebaut?

Grabungsbefunde


Grabungsbefunde an der Klosterkirche bis 1934 und im Bereich der ecclesia varia
 

Grabungsbefunde

Eines der größten Rätsel aber ist die gewaltige Mauerstärke von gut bis zu (fast) 4,5m der Fundamente und des aufgehenden Mauerwerks der ecclesia varia im Osten der Anlage, die Behn in einzelnen Bereichen noch vorfand. Wofür wurden diese mächtigen Fundamente gebraucht? Welche Mauern sollten sie tragen? Von anderen karolingischen Bauwerken wissen wir, daß ihre Mauern kaum schmaler waren als ihre Fundamente, und für die Lorscher ecclesia varia stiftete Karl der Kahle die Finanzierung zum Kauf von Kerzen, um für eine bessere Beleuchtung zu sorgen – auch dies ist ein Hinweis auf sehr dicke Mauern mit tiefen Fensternischen, durch die kaum Licht dringt.

Ein weiteres Rätsel ist die Gestaltung der Gebäude, die das westliche Atrium begrenzen, in dem die sogenannte „Königshalle" stand. Rudolf Adamy, der hier vor hundert Jahren grub, schlug für die seitlichen Gebäude Bogenöffnungen zum Atrium hin vor und umgab so die „Königshalle" mit einem Arkadengang, der sein Vorbild im Atrium von Sankt Peter in Rom gehabt haben könnte. Adamys Rekonstruktionsvorschlag wurde von den nachfolgenden Archäologen und Bauforschern gerne aufgegriffen; sie empfanden die Arkaden als angemessenen Rahmen für die feingliedrige Architektur der „Königshalle".

Rekonstruktionsvorschlag von Adamy

Die Klosterkirche mit Atrium und „Königshalle" - Rekonstruktionsvorschlag Rudolf Adamys (1891)

 


Doch ein Arkadengang mit Pfeilern und aufeinanderfolgenden Bögen verlangt einen waagerechten Sockel und waagerecht aufeinanderfolgende Bogenansätze. Dies ist aber bei dem nach Osten hin ansteigenden Gebäude des Atriums nicht gegeben. Stattdessen können wir uns eine von aneinandergereihten Bogenfenstern durchbrochene Mauer vorstellen oder weitgehend geschlossene Mauern mit einzelnen Fenstern und Türen. So viel auch für Adamys Rekonstruktionsvorschlag sprechen mag – andere Lösungen sind denkbar. Auf dem St. Galler Klosterplan, der zu Anfang des 9. Jahrhunderts entstand, sehen wir im Westen neben dem Zugang zur Kirche die Gästehäuser und andere Einrichtungen für die weltlichen Besucher des Klosters liegen - mit Bedacht vom Klausurbereich getrennt. Sie könnten in den Gebäuden südlich und nördlich des westlichen Atriums untergebracht gewesen sein, wo die sogenannte „Königshalle", architektonisches Schmuckstück und Kostbares bewahrend, den Besuchern zum Ruhme des Klosters immer vor Augen gestanden hätte.

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Blick aus dem vor 1934 geöffneten Rundbogen der Westfassade des Kirchenrestes.


Bei unseren Überlegungen, diesen Rätseln ein Stück weit auf die Spur zu kommen, sind wir derzeit auf die Aufzeichnungen und Interpretationen des Archäologen Friedrich Behn angewiesen, dessen Ausgrabung fast siebzig Jahre zurückliegt. Nicht alles wird er bei der Fülle seiner Beobachtungen mit der Sorgfalt betrachtet haben, die wir heute zur Lösung einer neu aufgetauchten Fragestellung aufwenden würden. Manche Interpretation wäre aus der Kenntnis neuerer Grabungen an karolingischen Bauten heraus zu überprüfen. Deshalb erscheint es uns heute als lohnend, den Bereich der ecclesia varia erneut aufzudecken, die von ihr erhaltenen Steine auf ihre Bearbeitungsspuren und die Art der Versetzung hin zu untersuchen und die vielen seit Behn angestellten Überlegungen zu ihrer Rekonstruktion an diesen Befunden zu messen.

Als zweiter Bereich sollten die Fundamente der Bauten des Atriums erneut untersucht werden, in dem die sogenannte „Königshalle" stand. Besonders lohnend scheint hier der nordöstliche Teil zu sein, der den Grabungsplänen von Behn zufolge von ihm nicht aufgedeckt wurde. Hier ist noch die originale Schichtenfolge zu erwarten, aus der sich möglicherweise Rückschlüsse auf die ursprüngliche Nutzung und Bauweise ziehen lassen. Vielleicht ließe sich auch das Verhältnis des größeren westlichen Atriums zu dem östlichen, direkt vor der Kirchen liegenden, klären, von denen wir nicht wissen, ob sie gleichzeitig oder nacheinander entstanden, und ob das östliche Atrium zum Teil überdacht war.

Es kann auch das eintreten, womit man bei Grabungen immer rechnen muß – man stößt auf einen unerwarteten Befund, der alle bisherigen Überlegungen und Theorien in Frage stellt und einzelne Bereiche des Klostergeländes in einem völlig neuen Licht erscheinen läßt. Aber solche Überraschungen sind oft das Salz in der Arbeit des Archäologen, die sie erst spannend und faszinierend machen.

Dr. Thomas Ludwig