Eine Geschichte, spannend wie ein Krimi... Forschungsprojekt zu einem der bedeutendsten Kunstwerke frühmittelalterlicher Buchkunst ist schon weit gediehen: CD-ROM, Ausstellung und Symposium zum Lorscher Evangeliar geplant Das Lorscher Evangeliar ist eine prachtvoll ausgestattete, ganz in Goldtinte geschriebene Evangelienhandschrift, die nach derzeitigem
Forschungsstand als jüngste einer bedeutsamen Reihe von Prachthandschriften aus dem Hofskriptorium Karls des Großen gilt und allgemein um das Jahr 810 datiert wird. Mit seinen beiden, je fünfteiligen Elfenbeindeckeln stellt es
geradezu ein „Gesamtkunstwerk" dar; zugleich vereint es nahezu alle stilistischen Einflüsse, die auf die karolingische Kunst eingewirkt haben. Vermutlich kam die kostbare Handschrift unter Abt Adalung (804 – 837) vom Hof des
Kaisers nach Lorsch, wo sie erstmals in einem Katalog der Klosterbibliothek des 9. Jahrhunderts erwähnt wird. In Lorsch, der großen Königs- und Reichsabtei, hat dann die Handschrift auch die Jahrhunderte überstanden – auch den
schrecklichen Klosterbrand von 1090. Im Jahre 1479 wurde sie neu gebunden und wohl schon damals in zwei Teile geteilt.
Beide Teile gelangten dann nach der Aufhebung des Klosters 1556 durch Ottheinrich, den bibliophilen Kurfürsten der Pfalz (1556 – 1559), zusammen mit vielen anderen wertvollen Büchern aus der alten Klosterbibliothek in die Heidelberger Hof- und Univesitätsbibliothek, die berühmte „Bibliotheca Palatina", und mit ihr sollten sie 1623 als Kriegsbeute Herzog Maximilians I. von Bayern (1597 – 1651) dem Papst, Gregor XV. (1621 – 1623), geschenkt werden.
Hier schon scheinen sich die Wege der beiden Teile des karolingischen Evangeliars getrennt zu haben: Der zweite, weniger schmuckvolle Teil, erreicht zusammen mit der sogenannten Christustafel die päpstliche Bibliothek, wo er auch heute noch als Palatinus 50 zu den Zimelien der Biblioteca Apostolica Vaticana gehört und sorgsam verwahrt wird. Die Christustafel wurde von der Handschrift getrennt und wird heute in den Vatikanischen Museen gezeigt.
Bischof Batthyány, ein übrigens nicht unbedeutender Kirchenrechtler und Gelehrter, übernahm 1792 Gebäude und Kirche des 1784 durch Kaiser Joseph II. (1765 – 1790) aufgehobenen Trinitarierordens inmitten der Festung Karlsburg (ungarisch Gyulafehérvár, rumänisch Alba Iulia) und richtete hier das Zentrum einer kleinen Gelehrtenakademie ein, die 1792 eine Sternwarte und 1794 die nach ihrem Stifter Batthyaneum benannte Bibliothek erhielt. Die Unterbringung der anspruchsvollen Büchersammlung erfolgte bald nach Batthyánys Tod in einem hübschen, frühklassizistischen Gestühl in der ehemaligen Klosterkirche. Hier steht noch heute knapp die Hälfte der insgesamt etwa 64.000 Bücher der Bibliothek. Der erste Teil des Lorscher Evangeliars war schon immer die kostbarste der westlichlateinischen Handschriften, deren Bestand den heute größten in Rumänien überhaupt darstellt. Bis 1918 ein Teil des Königreiches Ungarn, erlebte das alte Gyulafehérvár nach dem Ersten Weltkrieg die Zusammenführung Siebenbürgens und des Königreiches Rumänien, das 1945 der Sozialistischen Volksrepublik wich. Seit 1961 ist das Batthyaneum in Alba Iulia eine Filiale der rumänischen Nationalbibliothek in Bukarest. Seit dem Zusammenbruch des Ceau
Nahezu unbeachtet gelang indes 1992 die „Wiederentdeckung" der kostbaren Handschrift durch die in Lorsch lebende Volkskundlerin Annemie Schenk. Die Verwaltung der Staatlichen Schlösser
und Gärten Hessen ließ daraufhin die komplette Handschrift vor Ort fotografieren – damals noch in der Absicht, besonders schöne Seiten des Codex für Einzelblattfaksimilierungen vorzubereiten.
Inzwischen sind die Überlegungen aber weitergediehen, und statt der bis dahin angedachten „traditionellen" Reproduktionsweise, die zudem sehr teuer geworden wäre, bot sich ein anderes,
wesentlich effizienteres Medium an – CD ROM. Mittlerweile sind alle Seiten des rumänischen Teils des Lorscher Evangeliars über einen Trommelscanner für eine Reproduktion auf einem
elektronischen Datenträger vorbereitet, die ersten Begleittexte sind fertiggestellt und der Verlag kann bereits eine „Demo-CD" mit eigens hierfür entwickelter Software vorweisen, die in sehr
eindrucksvoller Weise dem interessierten Betrachter vor Augen führt, welche Möglichkeiten gerade in diesem Medium stecken – nicht nur, daß die phantastischen Farben des Codex in ihrer
originalen Leuchtkraft wiederbegegnen – es ist auch möglich, Details aus der Handschrift in bis zu 800%iger Vergrößerung zu betrachten – Farbauftrag, Pergamentstruktur und natürlich die
Kunstfertigkeit der Buchmaler, die hier um 810 eines der gewaltigsten Werke nachantiker Buchkunst geschaffen haben, kommt hier in noch nie gezeigter Eindringlichkeit zum Ausdruck.
Die CD-ROM „Lorscher Evangeliar, Erster Teil" könnte mit Hilfe einer die Produktion ermöglichenden und die bisher entstandenen Herstellungskosten ausgleichenden Finanzspritze
eines Sponsors sofort Wirklichkeit werden – bahnbrechend vielleicht für die künftige Entwicklung dieses für den Benutzer außerordentlich kostengünstigen Mediums für die kunstwissenschaftliche
und paläographische Erforschung mittelalterlicher Handschriften. Angesichts der sich dramatisch verschlechternden wirtschaftlichen Lage vieler Bibliotheken wäre
eine solche Alternative zum teuren Faksimile sehr wünschenswert. Es ist geplant, die CD-ROM „Lorscher Evangeliar" bei nächster Gelegenheit um den zweiten, vatikanischen Teil zu erweitern.
Für 1999 ist eine Ausstellung des ersten Teils des Lorscher Evangeliars in Zusammenarbeit zwischen der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen und der Rumänischen
Nationalbibliothek Bukarest in Lorsch geplant. Dieses Ereignis wird sehr wahrscheinlich von einem wissenschaftlichen Symposium umrahmt, anläßlich dessen der Ertrag der Forschung zu diesem wichtigen Buch gesichtet werden soll. Dr. Hermann Schefers
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